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Das Streitgespräch: Alzheimer : Heilung - wie nah ist man wirklich dran?

Demetrius: Viel zu wenig. Wenn man bedenkt, dass das Amyloid-Modell seit dreißig Jahren ohne große Erfolge verfolgt wird, kann man sich schon wundern, wie viel Geld da weiter hineinfließt. Da sind bislang gut zwei bis drei Milliarden Euro investiert worden. Es fehlte bisher einfach ein alternatives Modell. Das ‚Inverse Warburg’-Modell ist kaum mehr als fünf Jahre alt. Doch, wie gesagt, was es auszeichnet, ist, dass es verschiedene Aspekte der Alzheimer Erkrankung erklären kann, an denen das Amyloid-Kaskadenmodell gescheitert ist. Das ist zum einen das ausgedehnte vorklinische Stadium, das ist zum anderen der exponentielle Anstieg der Erkrankungsrate mit zunehmendem Alter und das ist schließlich die inverse epidemiologische Korrelation zwischen Krebs und Alzheimer. Pierre Magistretti und Luc Pellerin am Brain Mind Institut in Lausanne und Jenny Driver an der Harvard Medical School sind nun dabei, die therapeutischen Perspektiven der ‚Inverse Warburg’-Hypothese zu untersuchen. Möglichkeiten, den Stoffwechsel der Zellen durch eine verbesserte Versorgung mit Laktat positiv zu beeinflussen, und eine ketogene Diät werden derzeit angedacht. Inzwischen gibt es auch Kontakte zu Pharmafirmen.

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Beyreuther, 74, unternimmt selbst viel, um geistig fit zu bleiben.

 Der Heidelberger Biochemiker Konrad Beyreuther ist einer der Pioniere der Alzheimer-Forschung. Seit 2006 ist er Gründungsdirektor am Netzwerk Alternsforschung (NAR) in Heidelberg. In den achtziger Jahren entdeckte er den BSE-Erreger, danach hat er sich am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg und bis 2001 als ZMBH-Direktor vorgenommen, die Ursachen der Alzheimer-Krankheit aufzuklären. Das im Gehirn häufige Amyloid-Protein und dessen toxisches Abbauprodukt Beta-Amyloid ("Abeta"), das im Gehirn Ablagerungen - Plaques - bildet, hat er zusammen mit einer weltweiten Forscherstreitmacht als ultimatives Feindbild ausgemacht. Wie genau Abeta die Zellen zerstört, ist unklar. Problem auch: Sämtliche Therapie- und Impfversuche auf Basis des Amyloid-Modells haben bis zu den jüngsten Ergebnissen klinischer Tests, die vergangene Woche in Washington präsentiert wurden, regelrecht versagt. Für Beyreuther hat die Alzheimer-Demenz zu zwei Dritteln genetische Ursachen, ein Drittel ist auf sieben Risikofaktoren zurückzuführen: Depression, Bewegungsarmut, Rauchen, Fettsucht, Bluthochdruck, Diabetes und soziale Isolation. Seit er das weiß, hat er sein Leben radikal verändert. Er trainiert Herz und Hirn, treibt täglich Sport und belastet beim Laufen gleichzeitig sein Gehirn. Der 74-jährige Forscher schluckt aber auch Vitamine (E, C und B12), um altersbedingte Schäden an seinen Hirnzellen zu minimieren - eine Maßnahme, die seinem Gegenüber im Streitgespräch besonders behagt.

Demetrius mischt mit seinem inversen Warburg-Modell die etablierte Alzheimerforschung auf.

Der Mathematiker und theoretische Biologe Lloyd Demetrius ist überzeugt, dass sich die etablierte Alzheimer-Forschung mit der Amyloid-Hypothese verzettelt hat. Als Wissenschaftler an der Harvard-Universität und am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin hat er ein Konzept der evolutionären Entropie entwickelt - ein statistischer Erklärungsansatz für den unscharfen Begriff der Darwinschen Fitness. In den vergangenen fünf Jahren hat Demetrius zusammen mit Neurobiologen die "inverse Warburg-Hypothese" als Alternativmodell für die Ursache der Alzheimer-Krankheit ausgearbeitet. Sie richtet sich gegen eine vornehmlich auf die Gene zentrierte Sicht der Molekularbiologie. Auslöser der häufigsten Demenz sind für ihn vielmehr Stoffwechselprobleme der Hirnzellen. Die Zahl der Demenzkranken hat sich in hundert Jahren auf aktuell 1,5 Millionen verdreifacht, jedes Jahr kommen 300 000 dazu. Zwei Drittel leiden an Alzheimer. Für Demetrius handelt es sich um ein bioenergetisches Phänomen des Alterns, das mathematisch beschrieben werden kann und sich möglicherweise durch Prävention verhindern lässt. Grundlage ist der Warburg-Effekt, das Konzept des deutschen Medizin-Nobelpreisträgers und Biochemikers Otto Warburg, der vor knapp hundert Jahren über den Stoffwechsel von Krebszellen gearbeitet hat. Er hatte beobachtet, dass die Glykolyse zur Energiegewinnung in den Mitochondrien bei vielen Tumorzellen hochreguliert ist. Normalerweise gewinnen Zellen ihre Energie durch oxydative Phosphorylierung. Die Ankurbelung dieses Stoffwechselwegs, die vermehrte Bildung von Radikalen und daraus resultierende Schäden in den Mitochondrien - den Kraftwerken der Zellen - sorgen für fatale Energiedefizite im alternden, geschädigten Gehirn. Sie sollen Auslöser für das massenhafte Absterben von Hirnzellen von Alzheimer-Patienten sein. Demetrius meint mit dem Modell erklären zu können, weshalb das Erkrankungsrisiko für Alzheimer mit zunehmendem Alter exponentiell steigt, warum bestimmte Hirnregionen stärker betroffen sind und das Alzheimer-Risiko für Krebsüberlebende auffallend niedrig ist.

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