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Stomatologie : Wie finde ich meinen Zahnarzt?

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Der Behandlungsstuhl wartet schon. Den Geruch und die Geräusche kann man sich lebhaft vorstellen. Bild: Ullstein

An Zahnmedizinern fehlt es nicht in Deutschland. Doch man kann schon mal an den falschen geraten. Die Leidensgeschichte eines Gebisses.

          8 Min.

          Wie Millionen von Kindern bin ich mit Karius und Baktus aufgewachsen. Das waren zwei putzige Kerle, der eine schwarz- und der andere rothaarig, die sich der norwegische Autor Thorbjørn Egner ausgedacht hatte. Sie wohnten in meinem Mund, und immer, wenn ich Kuchen aß, freuten sie sich wie irre. Dann griffen sie zum Presslufthammer und bohrten immer größere Löcher. Bis ich zum Zahnarzt musste. Der tat im Prinzip nichts anderes. Nur dass er die Löcher anschließend mit einer Amalgamfüllung stopfte. Amalgam, eine Mischung aus Silber, Zinn, Kupfer, Indium, Zink und Quecksilber, spielt bis heute eine wichtige Rolle in der Zahnmedizin, weil es sich leicht verarbeiten lässt, vergleichsweise preiswert ist und nach allgemeiner Studienlage auch gut verträglich. Man schätzt, dass alle Einwohner der Europäischen Union zusammengenommen mehr als zweitausend Tonnen Quecksilber im Mund tragen. Bei mir war es natürlich nicht ganz so viel. Aber am Ende doch eine ganze Menge.

          Als Kind fielen mir, wie jedem von uns, nach und nach die Milchzähne aus. Das war jedes Mal erschreckend, wenn einer von ihnen wackelte, aber nicht so recht rauswollte. Man müsse einen Bindfaden drumbinden, das andere Ende um einen Türgriff knoten und die Tür beherzt zuschlagen, hieß es. War man das Teil endlich los, gab es eine Mark Schmerzensgeld.

          Das Gebiss ist das einzige Organ, das der Mensch komplett ersetzen kann. Leider nur einmal im Leben. Den Rest der Zeit muss er sehen, wie er mit seinen maximal 32 Zähnen klarkommt. Ohne Zahnarzt geht das selten. Mein erster hieß Doktor Brinkmann. Er bekämpfte die sich ausbreitende Caries dentium mit einem rumpelnden Doriot-Bohrer. Dieser Seilantrieb, anno 1893 von dem Pariser Constant Doriot erfunden, hing während der Behandlung drohend über mir, allein schon der Anblick versetzte mich in Schrecken. Dazu kam das fiese Geräusch und das niedertourige Mahlen im Zahn. Hin und wieder stieß Doktor Brinkmann auf eine empfindliche Stelle, das ging entschieden durch Mark und Bein. Mein Wimmern ließ ihn kalt, er hielt mich sowieso für einen Feigling. Das einzig Gute war die Aussicht auf die Packung Legosteine, die es hinterher zur Belohnung gab.

          Der eine hat Zahnfäule, der andere Prachtgebiss

          Warum der eine Mensch zur Zahnfäule neigt und ein anderer verschont bleibt, ist und bleibt ein Rätsel. Bis ins 19. Jahrhundert hinein glaubte man mehrheitlich, dass ein böser Wurm am Werke sei. Später wurden Milchsäurebakterien verantwortlich gemacht. 1960 stieß man auf Streptococcus mutans, ein Bakterium, das besonders gut im sauren Milieu der Mundhöhle gedeiht und mit anderen Mikroben den typischen Zahnbelag bildet. Dabei kann die Zusammensetzung der Mundflora von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Im Grunde genommen sei sie ihm wohlgesinnt, heißt es inzwischen, eine friedliche Symbiose, die erst, wenn sie, beispielsweise durch übermäßigen Zuckerkonsum, aus dem Gleichgewicht gerät, zur massenhaften Vermehrung schädlicher Erreger beiträgt. Das erst führt zum Angriff auf den Zahnschmelz. Man könnte Karies glatt als Folge einer ökologischen Katastrophe bezeichnen.

          Von solchen theoretischen Überlegungen war der Zahnarzt meiner Jugend nicht angekränkelt. Eine Koryphäe seines Handwerks war der Mann allerdings auch nicht. Denn seine Füllungen hielten nicht lange; fielen sie raus, wurde das Loch abermals erweitert und noch mehr Amalgam appliziert. Mit vierzehn war bei mir jeder dritte Backenzahn plombiert, mit siebzehn der erste gezogen. Dennoch war ich kein besonders schwerer Fall: Noch Ende der achtziger Jahre waren bei Gleichaltrigen im Schnitt 6,2 Zähne entweder kariös, gefüllt oder bereits extrahiert. Das hat sich deutlich verbessert: Heute besitzen Zwölfjährige statistisch gesehen weniger als einen geschädigten Zahn. Dafür trägt jeder zweite von ihnen eine Zahnspange.

          Ob Letzteres ein Segen ist, kann man bezweifeln. Dringend nötig ist eine Korrektur von Zahnfehlstellungen in den allermeisten Fällen nicht. Aber die Kieferorthopäden verdienen gut daran, die Jugendlichen wollen sie haben, weil die anderen eben auch eine tragen, und die Eltern wollen wie immer nur das Beste. Wissenschaftliche Studien haben bislang keinen großen Nutzen zutage gefördert, aber belastbare Studien sind in der Zahnmedizin ohnehin rar. Zahnspangen dienen weniger der Zahngesundheit, sondern in erster Linie der Zahnästhetik. Beim Bleichen oder Verblenden der Zähne mit sogenannten Veneers ist das sogar der einzige Zweck. Wenn dabei geschliffen oder nachlässig gearbeitet wird, können die Kauwerkzeuge durchaus Schaden nehmen. Teuer ist das Ganze so oder so, denn die Kassen zahlen nur in begründeten Fällen, was dazu geführt hat, dass ein strahlendes Lächeln heute als Statussymbol gilt für jemanden, der tief in die Tasche greifen kann.

          Wurzelbehandlungen kann auch nicht jeder

          Mit neunzehn kam ich zur Bundeswehr. Und damit zu einer besonders intensiven Begegnung mit der Zahnheilkunde. Während einer Truppenübung in der Lüneburger Heide bekam ich rasende Zahnschmerzen und wurde in den Sanitätsbereich nach Munster verfrachtet, wo zwei Stabsärzte sich gutgelaunt über meinen vereiterten M 15 hermachten. Sie bohrten ein bisschen, präparierten irgendetwas hinein und schickten mich zurück in meine Einheit. Das war im Spätsommer. Im darauffolgenden Winter fuhr ich mit meiner Freundin in die Alpen. Auf der Rückreise verwandelte sich der bis dahin nur sporadisch wahrgenommene Schmerz im besagten Backenzahn in höllische Qual. Aspirintabletten kauend, schaffte ich es gerade noch zum zahnärztlichen Notdienst. Den versah zufällig ein Arzt, der sich auf die damals in Mode kommenden Implantate kapriziert hatte. Überall in seiner edlen Praxis hingen Aufnahmen von perfekten Gebissen. Extraktionen hingegen waren nicht nach seinem Geschmack. Nachdem er den Molar mühsam bezwungen hatte, gab er mir zu verstehen, dass die Stabsärzte mich besser darauf hingewiesen hätten, dass die arsenhaltige Füllung, die sie mir zum Zwecke der Wurzelabtötung verabreicht hatten, spätestens nach ein paar Tagen wieder heraus gehört hätte.

          Wurzelbehandlungen sind eine heikle Sache. Der behandelnde Arzt braucht dazu Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Er muss den Nerv vollständig entfernen, was aus anatomischen Gründen nicht immer gelingt, er muss die Wurzelkanäle sorgfältig reinigen und bakteriendicht verschließen. Häufig genug geht das schief. Aus diesem Grund existiert ein eigenes Fachgebiet, die Endodontologie, die sich ausschließlich mit dem Innenleben der Zähne beschäftigt. Die Erfolgsaussichten einer Wurzelkanalbehandlung schwanken, wie es in einer wissenschaftlichen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) heißt. Je nach Befund liegen sie zwischen 50 und 95 Prozent. In meinem Fall war sonnenklar, zu welchem Prozentsatz ich gehörte.

          Der Notarzt schob einen Tampon in die Wunde, drückte mir ein paar Schmerztabletten in die Hand und schickte mich nach Hause. Dort hörte es nicht auf zu bluten. Ich stopfte mir ein Geschirrhandtuch in den Mund, aber auch das war bald durchtränkt. Eine Rührschüssel unter das Kinn haltend, in die ich von Zeit zu Zeit größere Mengen Blut spuckte, machte ich mich erneut auf, um im Wartezimmer die Patienten zu erschrecken. Der Arzt war nicht erfreut, mich wiederzusehen. Er hat es dann doch irgendwie in den Griff bekommen.

          Jeder Zehnte hat eine Zahnarztphobie

          Nach diesem Erlebnis ging ich erst einmal gar nicht mehr zum Zahnarzt. Ich hatte mittlerweile das, was man eine Zahnbehandlungsphobie nennt. Es wird geschätzt, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung unter dieser psychischen Störung leiden. Weitere zwanzig Prozent haben Umfragen zufolge große Angst vor dem Zahnarzt. Der glückliche Rest spürt bloß Unbehagen, wenn ihm ein Termin bevorsteht. Man kann dem Phobiker mit einer Vollnarkose kommen, aber das macht die Behandlung schwieriger, ist nicht ohne Risiko und ändert nichts an seiner Phobie. Manche Zahnärzte bieten Hypnose an. Doch hat sich im Rahmen einer Therapiestudie der Bergischen Universität Wuppertal gezeigt, dass weniger als die Hälfte der Patienten, die in Trance versetzt wurden, noch zu einem zweiten Behandlungstermin anrückte. Am besten scheint eine speziell zugeschnittene Verhaltenstherapie zu wirken, bei der der Phobiker Schritt für Schritt mit seinen Ängsten konfrontiert wird und dabei lernt, sie als irrational zu betrachten. Der Bochumer Zahnmediziner Peter Jöhren, der sich auf Dentalphobien spezialisiert und an der Therapiestudie maßgeblich mitgewirkt hat, berichtet von erstaunlichen Erfolgen: Schon nach einer einzigen Sitzung, die nicht länger als zwei bis drei Stunden dauert, könnten mittelfristig mehr als zwei Drittel der Betroffenen von ihrer Phobie geheilt werden.

          Bei mir war es ein ganz normaler, aber kompetent wirkender Zahnarzt, der mich irgendwann zu einer Sanierung meines Gebisses überreden konnte. Zu seiner Autorität trug nicht unwesentlich bei, dass er einen schwerreichen Hamburger Verleger unter seinen Patienten hatte. Der Mann erkundigte sich nach meinem Beruf, ordnete ihn gleich richtig dem „fahrenden Volk“ zu und sagte: „Wir machen jetzt mal das, was ich sage.“ So kam ich nacheinander in den Genuss einer professionellen Zahnreinigung durch eine in der Schweiz ausgebildete Dentalhygienikerin sowie in den Besitz mehrerer Unzen Zahngold in Form von Inlays und Brücken. Ich fragte zum Abschluss der Behandlung, wie lange das halten wird. „Wenn Sie gesund bleiben, zwanzig Jahre“, war die Antwort.

          Die Arbeit dieses Fachmanns ist seither immer mal wieder von Kollegen bewundert worden. Meist mit der Bemerkung, dass so viel Gold heute nicht mehr in Frage käme, Keramik sei viel besser. Das führt zu dem Problem, überhaupt einen guten Zahnarzt zu finden. Wer häufiger umzieht, kann ein Lied davon singen. Meist ist man auf Tipps von Kollegen oder Bekannten angewiesen. An der Auswahl besteht zwar kein Mangel, schließlich praktizieren in Deutschland fast 70 000 niedergelassene oder angestellte Zahnmediziner. Und es werden vermutlich noch mehr, denn seit 2007 ist die Begrenzung der Niederlassungen abgeschafft. Allein im näheren Umkreis der Bankentürme von Frankfurt finden sich an die dreihundert Zahnärzte. Zu welchem davon soll man gehen? Das Internet hilft hier auch nicht groß weiter - ein Bewertungsportal wie Jameda, immerhin TÜV-zertifiziert und mehrfacher Testsieger, kennt praktisch nur Noten zwischen eins und eins minus.

          Murks im Mund ist auch nicht gerade selten

          An echten Studien, die die Qualität ihrer Arbeit unter die Lupe nähmen, ist die Zahnärzteschaft wenig interessiert. Es hat vor längerer Zeit mal welche gegeben. Eine davon, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, ging in den achtziger Jahren anhand anonymisierter Abrechnungsdaten der Frage nach, wie oft es bei Patienten zu Zahnverlust oder notwendigen Folgebehandlungen kam. Manche Zahnärzte zeigten dabei überdurchschnittlich gute Leistungen, bei anderen schwankte das Ergebnis, aber fast jeder fünfte Behandler lieferte bei Füllungen, Wurzeln und Zahnersatz regelrechten Pfusch. Das waren ausgerechnet jene Schnellbohrer, die besonders viele Kunden abfertigten. Die Medizinjournalistin Tanja Wolf zitiert in ihrem Buch „Murks im Mund“ den Kommentar eines Mitglieds des Deutschen Arbeitskreises für Zahnheilkunde, der an der Studie beteiligt war: „Einigen hätte man den Führerschein entziehen müssen.“ Zu ähnlichen Ergebnissen kamen zwei weitere Studien, bei denen die Qualität des Zahnersatzes im Mittelpunkt stand. Ein Fünftel aller Kronen, Brücken und Prothesen waren demnach korrektur- und mehr als die Hälfte erneuerungsbedürftig. Nur ein Viertel waren gut oder gar perfekt gearbeitet. Neuere Erhebungen dieser Art liegen nicht vor. Sie wären heute schon aufgrund des Datenschutzes nicht mehr möglich.

          Wie wird es mit meinem eigenen Gebiss weitergehen? Werde ich irgendwann zu jenem Drittel der Senioren gehören, die mindestens in einem Kiefer völlig zahnlos sind? Oder werde ich mir Implantate leisten und damit prahlen, dass ich den Gegenwert eines Kleinwagens im Mund herumtrage? Zum Thema Implantate hat die DGZMK angemerkt, dass sich auf diesem Gebiet nicht nur Kapazitäten herumtreiben, sondern auch „Scharlatane und Unkundige, die am ahnungslosen Patienten unsachgemäß Hand anlegen“. Ich weiß nicht, ob mein Hamburger Zahnarzt noch praktiziert. Oder ob er dieselbe Prognose wie damals wagen würde, wenn er mir heute Titanschrauben in den Oberkiefer bohrte. Halten die Dinger fünf Jahre? Zehn, zwanzig? 2012 lautete die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Bundestag so: „Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Haltbarkeit von Implantaten, zum möglichen Knochenabbau beziehungsweise zu Komplikationen liegen der Bundesregierung nicht vor.“

          Wie gut ein Zahnarzt ist, weiß man immer erst hinterher

          Künstliche Zähne aus Elfenbein, Holz oder Quarz wurden zwar schon in der Antike eingesetzt. Aber die heutige Implantologie ist noch keine fünfzig Jahre alt. Sie erlebte ihre Geburtsstunde erst, als der schwedische Orthopäde Per-Ingvar Brånemark herausfand, dass sich Titan dauerhaft mit Knochen verbinden lässt. Seitdem ist der Implantatmarkt förmlich explodiert. Angeboten werden mehr als hundert verschiedene Systeme von fast doppelt so vielen Herstellern. Und es kommen immer neue hinzu. Kaum einer hat hier noch den vollen Überblick. Und schon gar nicht ist erforscht, welche Schraube und welche Suprakonstruktion sich auf Dauer wie verhalten.

          Wie gut ein Zahnarzt ist, weiß man hinterher. Ich kann nur sagen: Es gibt solche und solche. Wie man ganz ohne auskommt, hat der Kabarettist Wolfgang Neuss vorgeführt. In den sechziger Jahren berühmt geworden als „Mann mit der Pauke“, tauchte er nach einer langen Zeit der Versenkung im Haschischnebel eines Tages mit eingefallenen Wangen wieder in der Öffentlichkeit auf. Nuschelnd gab er zu Protokoll, er denke nicht daran, sich dritte Zähne zu besorgen, bevor es in Deutschland wieder was zu lachen gäbe.

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