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Stomatologie : Wie finde ich meinen Zahnarzt?

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Murks im Mund ist auch nicht gerade selten

An echten Studien, die die Qualität ihrer Arbeit unter die Lupe nähmen, ist die Zahnärzteschaft wenig interessiert. Es hat vor längerer Zeit mal welche gegeben. Eine davon, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, ging in den achtziger Jahren anhand anonymisierter Abrechnungsdaten der Frage nach, wie oft es bei Patienten zu Zahnverlust oder notwendigen Folgebehandlungen kam. Manche Zahnärzte zeigten dabei überdurchschnittlich gute Leistungen, bei anderen schwankte das Ergebnis, aber fast jeder fünfte Behandler lieferte bei Füllungen, Wurzeln und Zahnersatz regelrechten Pfusch. Das waren ausgerechnet jene Schnellbohrer, die besonders viele Kunden abfertigten. Die Medizinjournalistin Tanja Wolf zitiert in ihrem Buch „Murks im Mund“ den Kommentar eines Mitglieds des Deutschen Arbeitskreises für Zahnheilkunde, der an der Studie beteiligt war: „Einigen hätte man den Führerschein entziehen müssen.“ Zu ähnlichen Ergebnissen kamen zwei weitere Studien, bei denen die Qualität des Zahnersatzes im Mittelpunkt stand. Ein Fünftel aller Kronen, Brücken und Prothesen waren demnach korrektur- und mehr als die Hälfte erneuerungsbedürftig. Nur ein Viertel waren gut oder gar perfekt gearbeitet. Neuere Erhebungen dieser Art liegen nicht vor. Sie wären heute schon aufgrund des Datenschutzes nicht mehr möglich.

Wie wird es mit meinem eigenen Gebiss weitergehen? Werde ich irgendwann zu jenem Drittel der Senioren gehören, die mindestens in einem Kiefer völlig zahnlos sind? Oder werde ich mir Implantate leisten und damit prahlen, dass ich den Gegenwert eines Kleinwagens im Mund herumtrage? Zum Thema Implantate hat die DGZMK angemerkt, dass sich auf diesem Gebiet nicht nur Kapazitäten herumtreiben, sondern auch „Scharlatane und Unkundige, die am ahnungslosen Patienten unsachgemäß Hand anlegen“. Ich weiß nicht, ob mein Hamburger Zahnarzt noch praktiziert. Oder ob er dieselbe Prognose wie damals wagen würde, wenn er mir heute Titanschrauben in den Oberkiefer bohrte. Halten die Dinger fünf Jahre? Zehn, zwanzig? 2012 lautete die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Bundestag so: „Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Haltbarkeit von Implantaten, zum möglichen Knochenabbau beziehungsweise zu Komplikationen liegen der Bundesregierung nicht vor.“

Wie gut ein Zahnarzt ist, weiß man immer erst hinterher

Künstliche Zähne aus Elfenbein, Holz oder Quarz wurden zwar schon in der Antike eingesetzt. Aber die heutige Implantologie ist noch keine fünfzig Jahre alt. Sie erlebte ihre Geburtsstunde erst, als der schwedische Orthopäde Per-Ingvar Brånemark herausfand, dass sich Titan dauerhaft mit Knochen verbinden lässt. Seitdem ist der Implantatmarkt förmlich explodiert. Angeboten werden mehr als hundert verschiedene Systeme von fast doppelt so vielen Herstellern. Und es kommen immer neue hinzu. Kaum einer hat hier noch den vollen Überblick. Und schon gar nicht ist erforscht, welche Schraube und welche Suprakonstruktion sich auf Dauer wie verhalten.

Wie gut ein Zahnarzt ist, weiß man hinterher. Ich kann nur sagen: Es gibt solche und solche. Wie man ganz ohne auskommt, hat der Kabarettist Wolfgang Neuss vorgeführt. In den sechziger Jahren berühmt geworden als „Mann mit der Pauke“, tauchte er nach einer langen Zeit der Versenkung im Haschischnebel eines Tages mit eingefallenen Wangen wieder in der Öffentlichkeit auf. Nuschelnd gab er zu Protokoll, er denke nicht daran, sich dritte Zähne zu besorgen, bevor es in Deutschland wieder was zu lachen gäbe.

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