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Stammzelltherapie : Frei von Krebs und HIV

Der britische Virologe Ravindra Gupta konnte seinen „Londoner Patienten“ zugleich von Aids und Krebs befreien. In Düsseldorf hoffen Mediziner ebenfalls, dass ihnen das in einem weiteren Fall gelungen ist. Bild: JANE STOCKDALE/The New York Time

Behandeln? Ja. Aber auch heilen? Aids ist für Ärzte nach wie vor eine Herausforderung. In drei Fällen scheint es nun tatsächlich gelungen, den Erreger endgültig zu besiegen.

          Zum Geburtstag gab es erst ein Ständchen, dann Torte. Darauf eine brennende Zwölf. Und als Timothy Ray Brown die Kerzen auspustete, war der Jubel groß. Zwölf Jahre Leben, ein echtes Wunder, daran lässt das Youtube-Video keinen Zweifel. Seattle ist seine Heimatstadt, dort wuchs Brown auf, bevor er als junger Mann nach Europa aufbrach. Mittlerweile ist er 53. Vergangenen Sonntag feierte man beim „Pre-CROI Community HIV Cure Workshop 2019“ im Vorfeld einer Fachkonferenz nicht sein Alter, sondern eine Art zweiten Geburtstag. Nämlich seinen Triumph über gleich zwei tödliche Krankheiten: Krebs und Aids. Mit Hilfe einer Knochenmarkspende konnten deutsche Mediziner ihn davon befreien. Die erste Transplantation im Februar 2007 genügte zwar nicht, eine zweite war nach erneuter Bestrahlung nötig. Aber Brown ist seither nicht nur eine akute myeloische Leukämie los, sondern auch seine HIV-Infektion.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Timothy Ray Brown lebt inzwischen wieder in den Vereinigten Staaten. Aber immer noch ist der homosexuelle Übersetzer auf der ganzen Welt als „the Berlin Patient“ bekannt. Seine Krankengeschichte ist fast schon zur Legende geworden. Mitte der 1990er hatte er die Diagnose „HIV positiv“ erhalten, 2006 kam Leukämie dazu. Als nichts anderes mehr half, setzten die Berliner Ärzte alle Hoffnungen auf eine sogenannte allogene Stammzelltherapie – und hatten Erfolg: Brown konnte seine Aids- und Krebsmedikamente absetzen. Er war der erste Patient, der gleich doppelt von der Auswahl des Spenders profitieren konnte. Denn dieser passte mehr als nur gut: Seine Erbinformationen sperren HIV regelrecht aus, den Immunzellen fehlt der CCR5-Rezeptor, die Aids-Erreger können deshalb nicht eindringen, sich also weder im Genom festsetzen noch vermehren. Verantwortlich ist dafür eine Deletion, die bei rund einem Prozent der Europäer zum Beispiel homozygot im Erbgut vorkommt und folglich auf natürliche Weise für einen Komplettausfall sorgt: CCR5Delta32/Delta32 ist in Zeiten von Aids eine denkbar günstige Gen-Konstellation.

          So etwas hatte auch der chinesische Forscher He Jiankui angestrebt, der vor wenigen Monaten die Geburt der ersten Designer-Babys verkündete und damit einen globalen Sturm des Entsetzens entfachte. Nach Genmanipulationen im frühen Stadium der Embryonen sollten deren Zellen ebenfalls ohne CCR5-Rezeptoren auskommen, um das Aids-Risiko der sich entwickelnden Kinder ein Leben lang zu minimieren. Ein derartiger Eingriff ins Erbgut ist jedoch nicht nur ethisch und wissenschaftlich umstritten, sondern zudem gefährlich und in zahlreichen Ländern verboten. He verteidigte sein Vorgehen damit, dass gerade in China viele HIV-Infizierte unter dem Stigma ihrer Krankheit leiden müssten und zu wenige die lebenswichtigen Medikamente erhielten. Aber so schwierig die Lage auch sein mag, den voreiligen Griff zur Crispr-Gen-Schere rechtfertigte das nicht.

          Anders sah das im Fall des Berliner Patienten aus. Seine Ärzte hatten eine etablierte Behandlungsform der Leukämie abgewandelt, auch wenn nicht sicher war, dass das funktionieren könnte. Brown machte das damals zu einem einzigartigen Paradebeispiel, das unter Aids-Betroffenen die Hoffnung auf eine mögliche Heilung nährte. Nun ist es offenbar in zwei weiteren Fällen gelungen. An seine Seite könnten sich bald ein Londoner und ein Düsseldorfer Patient gesellen, beide mit HIV infiziert und zusätzlich an Krebs erkrankt, bis sie eine spezifische Stammzelltherapie erhielten. Das dafür nötige Knochenmark stammte jeweils von einem ausgewählten Spender mit der seltenen CCR5-Deletion. Was das für die Kranken bedeuten kann, wurde vergangene Woche auf der „Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections“ in Seattle diskutiert. Die behandelnden Ärzte präsentierten dort erste Daten. Während die Medien anschließend in ihren Schlagzeilen prompt Begriffe wie „Cure“ oder „Heilung“ verwendeten, hielten sich die Mediziner vorsichtig zurück. Sie sprachen, wie etwa der britische Virologe Ravindra Gupta in seinem Vortrag, lieber von Remission. Diese konnte ihren Patienten immerhin schon ein Intervall von 18 beziehungsweise 3,5 Monaten verschaffen, in denen keine Aids-Erreger mehr aufzuspüren waren, seit auf die antivirale Therapie verzichtet wurde.

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