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Stammzelltherapie : Frei von Krebs und HIV

Erfolge in London und Düsseldorf

Als „ermutigend“ bezeichnete Gupta den beobachteten Verlauf. Er und seine Kollegen betreuen den Londoner Patienten, über den das Team aktuell auch in „Nature“ berichtete. Seit 2003 war dessen HIV-Infektion bekannt, er wurde dementsprechend behandelt; 2012 stellte man ein Hodgkin-Lymphom fest. Weil Immun- und Chemotherapien scheiterten, suchte man 2016 nach einem Knochenmarkspender. Keiner passte perfekt, doch die beste Übereinstimmung in einem internationalen Register zeigte jemanden mit doppelt vorhandener CCR5-Deletion. In diesem wie auch im Düsseldorfer Fall genügte eine einmalige Transplantation der fremden Blutstammzellen, beide Patienten setzten aber ihre Aids-Medikamente nicht sofort ab, sondern nahmen die Tabletten zunächst über 16 beziehungsweise 66 Monate weiterhin ein. Sie sind auch nicht die Einzigen, die im Rahmen des „IciStem“-Programms eine Stammzelltherapie erhielten. In anderen Fällen kam es allerdings teils zu schweren Rückfällen. Manchmal ließ sich die Krebserkrankung nicht mehr stoppen, und die Patienten starben. Oder es war kein Spender mit der gewünschten Deletion zu finden. Oder die Betroffenen waren mit Viren infiziert, die beim Eindringen in die Immunzellen nicht CCR5 nutzen, sondern einen anderen Ko-Rezeptor.

Timothy Ray Brown alias „the Berlin Patient“. Er profitierte als Erster von einer besonderen Stammzelltherapie und wurde so nicht nur die Leukämie los, sondern auch HIV.

Diese kombinierte Krebs- sowie Aidstherapie ist und bleibt aufwendig, teuer, komplex und keineswegs ungefährlich. Da sie nur für Schwerkranke in Frage kommt, die auf konventionelle Maßnahmen nicht mehr ansprechen, seien die Überlebenschancen nicht sehr hoch, warnt Jürgen Rockstroh vor allzu großer Euphorie. Seit mehr als zwanzig Jahren leitet er die HIV-Ambulanz an der Medizinischen Universitätsklinik Bonn und beobachtete jetzt auf der Konferenz in Seattle, welche Welle der Zuversicht die erfolgreiche Stammzelltherapie auslöste.

„Die neuen Fälle sind wichtig, weil sie zeigen, dass das Behandlungskonzept von Timothy Brown reproduzierbar ist. Zumindest scheint es so, es sind ja im Düsseldorfer Fall erst ein paar Monate vergangen, seit die Aids-Medikamente abgesetzt wurden“, sagt Rockstroh. „Daraus lässt sich nun einiges für andere Therapieansätze ableiten und lernen.“ Nicht nur, dass offenbar nicht jeder dieser Patienten eine Bestrahlung braucht, sondern auch, dass die Reaktion des Körpers auf die fremden Zellen von Bedeutung ist. „Diese besondere Stimulation des Immunsystems könnte ein elementarer Schritt sein“, erklärt Rockstroh. Im Fachjargon wird das Geschehen als „Graft versus Host“-Reaktion bezeichnet, die mehr oder weniger heftig ausfallen kann. Mit einem gefährlichen „Tanz auf dem Vulkan“ vergleicht es wiederum Georg Behrens, der mit seinem Team an der Klinik für Immunologie und Rheumatologie in Hannover unter anderem die Antwort des Immunsystems auf eine HIV-Infektion erforscht. Die Effekte seien durchaus erwünscht, es genüge wohl nicht, um die Krankheit in den Griff zu bekommen, wenn nur die CCR5-Rezeptoren fehlen.

Vermutlich zeigen deshalb Versuche mit körpereigenen Zellen noch nicht die erhofften Erfolge. An der University of Pennsylvania etwa versucht Pablo Tebas mit seinen Kollegen, die Immunzellen von Infizierten entsprechend zu verändern. In einer Studie mit ein paar Dutzend Patienten ließ sich so zwar noch keine Heilung erreichen, doch zumindest die Rückkehr der Erreger verzögern, wie Tebas in Seattle mit aktuellen Daten berichtete. „Dabei ist das HIV-Reservoir ein Problem“, erklärt Behrens, der skeptisch bleibt. Denn Zellen, die virale Erbinformation im Genom tragen, können lange Zeit im Körper existieren, über Tage, Monate, gar Jahre hinweg, und irgendwann taucht dann doch wieder ein neu gebildetes Virus auf. Diese Reservoire für den Erreger gelte es, überall im Körper zu erreichen, sagt Behrens. Das gelinge nicht, wenn man nur frische Zellen hinzufüge. Ob das in Kombination mit anderen Mitteln zu schaffen sei, werde derzeit intensiv untersucht.

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