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Speiseröhrenkrebs : Zwei Drittel der Kliniken brechen die Regeln

  • -Aktualisiert am

Leerer OP-Saal: Routinierte Ärzteteams nützen den Patienten Bild: dpa

Eingriffe an der Speiseröhre dürfen eigentlich nur routinierte Operateure durchführen. Doch diese Regel wird von den Kliniken systematisch umgangen - mit deutlichen Folgen für die Patienten.

          Erfahrung macht den Meister. Das gilt insbesondere für schwierige Behandlungsfälle in der Medizin. Dazu zählt die Therapie des Krebses der Speiseröhre. Die Biologie der Krankheit weist einige Besonderheiten auf. Schon früh breitet sich der Tumor in die nahe Umgebung aus, er gilt dann als „lokal fortgeschritten“. Neben der Beratung durch ein interdisziplinäres Team ist eine besondere Erfahrung des Chirurgen notwendig, sollen die Patienten geheilt werden.

          Wer den schwierigen Eingriff nur selten durchführt, gefährdet die Patienten. Daher wurden für die Operationen an der Speiseröhre Mindestmengen eingeführt. In einer Klinik sollen Patienten allein dann operiert werden dürfen, wenn mindestens zehn Fälle im Jahr behandelt werden. Nur in diesem Fall erhalten die Kliniken die Kosten erstattet. Doch diese Regelung, die im Sozialgesetzbuch V festgeschrieben ist, erweist sich offensichtlich als ein wenig brauchbares Instrument. Sie wird ersichtlich von nicht wenigen Kliniken unterlaufen, und die Sanktionen greifen nicht.

          Eingriffe lückenlos erfasst

          Thomas Mansky von der Technischen Universität in Berlin und seine Mitarbeiter haben die Behandlungsergebnisse der Operationen an der Speiseröhre in Beziehung gesetzt zur Häufigkeit, mit der diese Eingriffe durchgeführt werden. Die Wissenschaftler haben die im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden gesammelten Daten über die Krankenhausaufenthalte in Deutschland analysiert. Das Amt erfasst lückenlos die Diagnosen, die durchgeführten Prozeduren und den Ausgang aller Krankenhausbehandlungen in Deutschland. Die Ergebnisse dieser Analyse sind ernüchternd, um nicht zu sagen desaströs. Sie wurden jetzt im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten in Leipzig vorgestellt. Das Ärztetreffen wird seit einigen Jahren gemeinsam mit den Viszeralchirurgen ausgerichtet.

          In Deutschland wurden demnach im Jahr 2011 mehr als 3500 Operationen von Speiseröhrenkrebs durchgeführt. Nur in einem Drittel der Krankenhäuser wurde die Mindestmenge von zehn Eingriffen pro Jahr erreicht. Die übrigen Kliniken, immerhin zwei Drittel, kamen über eine durchschnittliche Anzahl von vier Operationen im Jahr nicht hinaus. Die Sterblichkeit bei der Operation lag in den Häusern mit geringer Frequenz des Eingriffs bei dreizehn Prozent, bei den anderen bei neun Prozent. Der Unterschied mag gering erscheinen, ist jedoch statistisch mehr als auffällig.

          Vergleich mit Holland

          Wie sehr die Erfahrung des Chirurgen und der die Patienten nach der Operation betreuenden Teams das Ergebnis beeinflusst, wird deutlich, wenn man die Operationen einteilt entsprechend der Häufigkeit der Eingriffe je Klinik und in Quintilen darstellt. Jede fünfte Operation, so Thomas Mansky, wird in Kliniken vorgenommen, die nur zwei Patienten im Jahr behandeln. In dieser untersten Quintile liegt die Sterblichkeit der Patienten um fünfzig Prozent über der in der obersten Quintile, das heißt in den Kliniken, in denen der Eingriff etwa fünfzigmal in jedem Jahr erfolgt. Jeder dritte Patient wird in einer Klinik operiert, die die Mindestmenge nicht erreicht. Viele Patienten werden einem unnötig erhöhten Risiko ausgesetzt. Dietmar Lorenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Viszeralchirurgie und selbst erfahrener Operateur der Speiseröhre, hat diesen unhaltbaren Zustand als oberste Priorität zum Thema der Tagung in Leipzig gemacht.

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