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Kommentar zu Grenzwerten : So prüfet!

Noch längst nicht überall vom Tisch: Stuttgart hat seine Fahrverbote. Bild: dpa

Sind die Grenzwerte für Luftschadstoffe veraltet – oder zu streng? Wenn Ärzte schon fürs Abschaffen eintreten, dann muss alles auf den Prüfstand. Sagen Politiker. Warum auch nicht, bloß: Es könnte ihr Albtraum werden.

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          Was ein unabhängiger Fachmann ist, wer also als Experte vertrauenswürdig ist, sofern es um die Bewertung von Grenzwerten für die Luftreinhaltung geht, und wo Expertise zu suchen ist, wenn die Gesundheit auch der Schwächsten und Unbeteiligten am Straßenverkehr sicherzustellen ist, darüber versucht die Bundesregierung jetzt Klarheit herzustellen.

          Es wird höchste Zeit. Erst dann ist überhaupt an eine neutrale Überprüfung der Grenzwerte für Luftschadstoffe zu denken, die jetzt von vielen Seiten gefordert wird. Eine Überprüfung, gegen die im Übrigen niemand etwas einzuwenden haben sollte. Denn nur sie kann wiederherstellen, was nach der gezielten Bagatellisierung von Schadstoffen durch die gut hundert deutschen Lungenärzte und das damit heraufbeschworene Kompetenzgerangel in Trümmern liegt. Die Wissenschaft genoss unbestritten einen Vertrauensvorschuss, der aber heute alles andere als selbstverständlich ist.

          Zuständigkeiten lösen sich auf, in der Wissenschaft nicht!

          Die Polarisierer und Aufschneider haben inzwischen leichtes Spiel, Desinformation und Meinungen verbreiten sich schneller als Gewissheiten, Verschwörungsideen und Gerüchte sind zum Spielzeug der sozialen Medien geworden. Zuständigkeiten lösen sich auf oder werden öffentlich radikal in Frage gestellt. Nun soll also die Nationalakademie Leopoldina erst einmal als Schiedsrichter für die Überprüfung der Schadstoffgrenzwerte zuständig sein, nicht unbedingt fachlich, aber die Bundesregierung will mit ihr über eine neutrale Überprüfung der Schadstoffgrenzwerte reden. Als Schlüsselinstanz der Politikberatung im Land ist die Akademie unabhängig genug von ökonomischen Interessen, Lobbyisten, Parteien, Ideologien und selbsternannten Experten, die nötigen Schritte zu empfehlen. Nicht nur die Wissenschaft selbst hat ein Interesse daran, auch die verunsicherte Öffentlichkeit verdient jetzt Expertisen und Evidenzen, die mit Gerüchten aufräumen und trivialer, unsachlicher Volkspädagogik („Stickoxide sind in unserem Körper harmlose Naturstoffe“) ein Ende bereiten.

          Das Ergebnis dieser Überprüfung ist offen. Am Ende könnte es allerdings gut sein, dass die von den Lungenärzten losgetretene Grenzwertdebatte nicht zur Aufweichung, sondern – etwa für Feinstäube – zur Verschärfung von zulässigen Luftkonzentrationen führt. Das wäre die Konsequenz vieler neuer empirischer Befunde – Befunde, die echten Fachleuten nicht entgangen sein sollten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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