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Neurologische Erkrankungen : Wenn Sex zur doppelten Nervensache wird

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Zufrieden mit dem eigenen Sexualleben? Die Teilnehmer einer Studie unter Parkinson-Patienten gaben an seit Beginn der Krankheit immer unzufriedener zu sein. Bild: Picture-Alliance

Vier von fünf Menschen, die an einer neurologischen Erkrankung leiden, haben Probleme im Bett. Das kann auch den Partner nerven – und muss oft nicht sein.

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          Monika Blohm hatte gerade ihren neuen Freund kennengelernt, als sie mit nur vierzig Jahren eine schreckliche Diagnose erhält. Ausführlich klärten Ärzte sie über die körperlichen Beschwerden auf, die die Krankheit mit sich bringen könnte – zitternde Hände, steife Beine, schwankender Gang. Aber niemand sagte ihr, dass sich auch ihre Beziehung drastisch ändern würde. Denn plötzlich waren sie zu dritt: Monika, ihr Freund und „Herr“ Parkinson.

          In Deutschland leben 250.000 Parkinson- und mehr als 500.000 Epilepsie-Patienten, dazu 200.000 Menschen mit multipler Sklerose sowie mehrere Millionen Diabetiker, und jährlich erleiden mehr als 250.000 Menschen einen Schlaganfall. Das sind nur die häufigsten der über siebenhundert Diagnosen, die Neurologen vergeben können. Je nach Erkrankung leiden mehr als achtzig Prozent der Patienten im Verlauf an sogenannter sexueller Dysfunktion – Störungen der Libido beispielsweise, der Erektions- und Orgasmusfähigkeit oder Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs. Wie die Krankheit selbst gilt für den Sex: reine Nervensache. Auch Sex beginnt nicht in der Unterhose, sondern im Hypothalamus, einem Teil des Zwischenhirns, und bahnt sich erst über das Rückenmark und den Pudendusnerv seinen Weg in Richtung Genitalregion.

          Ärzte sprechen Sexualleben nur selten an

          Wenn es im Rahmen von neurologischen Erkrankungen zu Hirn- oder Nervenschäden kommt, kann die Kommunikation von Hirn und Unterleib Schaden nehmen. Obwohl sexuelle Funktionsstörungen so häufig vorkommen, sind sie in Arztpraxen selten Gesprächsthema. Eine Umfrage unter 93 holländischen, auf Parkinson spezialisierten Neurologen ergab in einer Studie, dass die Hälfte der Ärzte ihre Patienten selten oder nie auf ihr Sexualleben ansprachen. Und dass, obwohl die Mehrheit das Thema als „wichtig“ einschätzte. Die Hauptgründe für die Schüchternheit der Mediziner seien Zeitknappheit und der nicht minder bedauernswerte Umstand, dass Patienten nicht selbst aktiv werden – zum Teil sicher auch des oft höheren Lebensalters wegen.

          Morbus Parkinson, bei dem es aufgrund eines Dopaminmangels im Gehirn zu fortschreitenden Bewegungsstörungen kommt, ist eine Erkrankung der zweiten Lebenshälfte. Dass ältere Patienten ihre Freizeit mit Briefmarken sammeln und Entenfüttern verbringen, ist allerdings ein Trugschluss. In einer Umfrage unter knapp zweitausend Amerikanern aus dem Jahr 2010 gaben jeweils fast 50 Prozent der 60- bis 69-jährigen Männer und Frauen an, ein aktives Sexualleben zu haben; unter den über 70-jährigen waren es noch 40 beziehungsweise 20 Prozent. Doch auch die in der Regel deutlich jüngeren Multiple-Sklerose-Patienten (die Erkrankung beginnt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr) werden nur wenig besser beraten: 30 Prozent der männlichen und nur zehn Prozent der weiblichen Patienten sprechen laut einer Umfrage des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité mit ihrem Arzt über Sex. Dabei gaben fast 90 Prozent der 1400 Befragten einen Aufklärungsbedarf an, 50 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer wünschten sich zudem Paargespräche zum Thema Sex.

          Umfrage zeigt weniger Zufriedenheit mit eigener Sexualität

          Die Parkinson-Patientin Monika Blohm leidet an einer besonderen Form der Sexualstörung: Sie ist hypersexuell. Die Dosis macht bekanntlich das Gift, und so kann auch zu viel Sex die Beziehung belasten. „Es ist wie eine Sucht“, sagt die heute 49-jährige Polizistin. Mehrmals täglich habe sie mit ihrem Freund schlafen wollen. „Irgendwann gestand er mir, dass er sich zum Sexobjekt degradiert fühlte.“ Sie selbst hatte ihren sexuellen Appetit aber gar nicht als unnormal wahrgenommen. Erst im Gespräch mit ihrem behandelnden Neurologen Carsten Buhmann erfuhr sie, dass Hypersexualität als Nebenwirkung der Medikamente und auch der Tiefenhirnstimulation auftreten kann, die bei ihr zur Behandlung des Morbus Parkinson eingesetzt werden.

          In einer aktuellen Umfrage befragten Buhmann und sein Team 53 Parkinson-Patienten, davon 39 Männer, dazu, wie sich ihr Sexualleben seit der Diagnose verändert hat. Wie sehr Buhmann thematisch den Nerv getroffen hat, sah er, als er die Fragebögen auswertete. „Die Patienten haben nicht nur die Fragen beantwortet, einige haben den ganzen Rand mit Erlebnissen und Anmerkungen vollgeschrieben“, sagt der Neurologe. Wenig überraschend zeigte sich unter den im Durchschnitt seit zehn Jahren erkrankten Teilnehmern eine insgesamt verschlechterte Lebensqualität sowie weniger Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität.

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