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Neurologische Erkrankungen : Wenn Sex zur doppelten Nervensache wird

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Interessanterweise aber hatte die Diagnose auch positive Effekte: Gespräche mit dem Partner und gemeinsame Aktivitäten gewannen für die Teilnehmer an Bedeutung. „Wir fanden zudem heraus, dass der Austausch von Zärtlichkeiten nach der Diagnose wichtiger wurde“, sagt Buhmann. Dieser Aspekt wurde mit der Dauer der Erkrankung immer wichtiger. „Eine klare sexuelle Dysfunktion hingegen trat im Alter dann oft nicht vermehrt auf“, so Buhmann. Dies könnte daran liegen, dass die Partnerschaft im Alter stabiler wird und Sexualität gleichzeitig in den Hintergrund rückt.

Besonders spannend waren die Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Während die Orgasmushäufigkeit bei Männern deutlich abnahm, freuten sich die weiblichen Teilnehmer über eine Zunahme derselben. Männer gaben zudem an, häufiger Annäherungsversuche des Partners abzuwehren, sich von ihrem Partner zurückzuziehen und hatten mehr Angst, dessen Erwartungen nicht erfüllen zu können. Für Frauen galt jeweils genau das Gegenteil. Zudem dachten männliche Teilnehmer häufiger darüber nach, sich scheiden zu lassen, Frauen seltener.

Die Psyche in der Schlüsselrolle

Sexualität und die Qualität von Beziehungen, so scheint es, leiden bei Männern mehr unter einer Erkrankung des Nervensystems als bei Frauen – wobei Experten darauf hinweisen, dass größere Studien notwendig wären, um dies statistisch abzusichern. Männer sind laut Buhmann häufig von mechanischen Sexualstörungen wie Erektionsproblemen betroffen, er vermutet aber, dass etwas anderes bedeutsamer ist: „Männer fürchten oft, dass sie ihre Partner nicht befriedigen können, und ziehen sich daraufhin zurück.“ Die Psyche spielt bei sexueller Dysfunktion eine Schlüsselrolle.

Dafür spricht auch, dass nicht nur Betroffene darüber klagen, sondern auch deren Partner: Eine ältere Umfrage unter 2000 Parkinson-Paaren ergab, dass vor der Diagnose drei Prozent der Männer unter Orgasmusstörungen litten, nach der Diagnose waren es 30 Prozent; bei den männlichen Partnern von Patientinnen stieg die Zahl von einem auf 17 Prozent. Auch die Häufigkeiten von Erregungs- und Luststörungen sowie eine generelle Abneigung gegen Sex nehmen bei den Partnern zu, wenn auch nicht ganz so stark wie bei den Erkrankten selbst. Ähnliche Studienergebnisse existieren für Multiple-Sklerose-Patienten.

Mit dem Patienten über das Sexualleben reden? Viele Neurologen sprechen das Thema kaum an.
Mit dem Patienten über das Sexualleben reden? Viele Neurologen sprechen das Thema kaum an. : Bild: dpa

„Gerade bei jungen Paaren kommt es häufiger vor, dass sich der nicht betroffene Partner der Situation nicht gewachsen fühlt“, sagt Hannes Friedrich. Der Göttinger Psychotherapeut betreut viele Paare mit neurologischen Erkrankungen. „Vor allem Männer fühlen sich schnell überfordert.“ Auch gingen die unterschiedlichen Patientengruppen verschieden mit der jeweiligen Diagnose um. Während Multiple-Sklerose-Patienten viel Zuwendung von ihren Partnern erwarten, würden sich Epileptiker zurückziehen. „Kontrollverlust ist in unserer Gesellschaft extrem stigmatisiert“, sagt Friedrich, „Epileptiker haben Angst, vor ihrem Partner zusammenzubrechen, und distanzieren sich deshalb.“

Besonders wenn im Verlauf von Erkrankungen körperliche Behinderungen auftreten, falle es vielen Paaren schwer, Zärtlichkeit auszutauschen. „Beide Partner fürchten sich davor, etwas zu verletzten oder die Haltung zu verlieren“, sagt Friedrich. „Aber auch in solchen Situationen ist es möglich, eine schöne Sexualität zu entwickeln – es kann aber notwendig sein, dass Paare neue Wege finden, andere sexuelle Praktiken, und bestimmte Tabus berühren müssen.“ Viele tun das tatsächlich bereits, und immer gilt: Sprechen hilft. Friedrich sieht die niedergelassenen Ärzte, die die Patienten länger betreuen, in einer besonderen Pflicht, Patienten auf sexuelle Störungen und psychotherapeutische Hilfe hinzuweisen. Oft fehle es diesen aber nicht nur an Zeit, sondern auch an Taktgefühl. „Psychosoziale Aspekte von Krankheiten und Kommunikation werden in der ärztlichen Ausbildung nur wenig behandelt“, sagt Friedrich, „eine entsprechende Weiterbildung sollte für Ärzte eigentlich Pflicht werden.“

Monika Blohm ist mittlerweile seit neun Jahren an Parkinson erkrankt und glücklich liiert. Sie hat es ohne professionelle Hilfe, aber mit viel Offenheit geschafft. Drei Dinge macht Blohm für ihr Glück verantwortlich: die charmante Art ihres Freundes, sie zu unterstützen, ehrliche Gespräche – und gelegentliche Selbstbefriedigung.

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