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Seuche : Von Menschen und Schweinen

Im Schinken überdauern diese Viren Monate

Von dort aus drängen die Asfarviren nun westwärts. Der Sprung über weite Distanzen kann ihnen eigentlich nur mit Hilfe des Personen- und Güterverkehrs gelingen, denn Wildschweine rotten sich nicht zusammen, um lange Strecken zu marschieren, schon gar nicht infizierte, kranke. Für neue Infektionsherde in der Ferne sorgt eher der Mensch, indem er unbemerkt kontaminierte Wurst- und Fleischwaren mitbringt und sich dieser irgendwo entledigt. Wenn an einer Raststätte ein Salamizipfel oder das angebissene Schinkenbrötchen im Gebüsch landet statt im Müllbehälter, wird eine hungrige Sau schnell zum Opfer; mit entsprechenden Plakaten warnt das Bundeslandwirtschaftsministerium mittlerweile vor diesem Szenario. „Starkes Erhitzen tötet die Viren ab, in luftgetrocknetem Schinken überdauern sie jedoch Monate, wenn nicht Jahre“, sagt Mettenleiter.

Auch wenn er sich nicht erklären kann, warum die Schweinepest ausgerechnet jetzt für Gesprächsstoff sorgt und nicht im Sommer, als sie mit dem Ausbruch in Tschechien plötzlich näher kam, ist der Virologe doch froh über die plötzlich erwachte öffentliche Aufmerksamkeit. Zwar sei es Mitte der 1980er Jahre zu einzelnen Ausbrüchen in den Niederlanden gekommen, die sich eindämmen ließen. Und auf der Iberischen Halbinsel bekam man die Seuche nach Jahrzehnten ebenfalls wieder in den Griff. Aber auf Sardinien, wo sie vor vierzig Jahren Einzug hielt, hat sie sich festgesetzt. „Und keines der Länder, in welche die Afrikanische Schweinepest nach 2007 eingeschleppt wurde, ist die Erreger seither wieder losgeworden“, sagt Mettenleiter. „Wenn sie sich erst einmal im Schwarzwild ausgebreitet haben, besteht vorerst keine Chance, sie zu eliminieren.“

Wildschweine dienen als Reservoir

Wildschweine dienen dem aggressiven Virus offenbar als Reservoir, was man aufgrund der hohen Sterberate zunächst nicht für möglich gehalten hatte. Daher birgt insbesondere die recht hohe Bestandsdichte der Schwarzkittel in Deutschland, für die Politiker, Bauern, Umweltschützer oder Jäger verschiedenste Ursachen verantwortlich machen, eine erhebliche Verbreitungsgefahr.

Noch könne man die Zeit nutzen, sich ernsthaft auf einen Ausbruch vorzubereiten, sagt Mettenleiter. Das hieße unter anderem, dass Schweinezüchter entsprechende Hygienemaßnahmen ergreifen, wie etwa Wechselkleidung, Desinfektion von Viehtransportern oder Schleusen zum Stall, und bestehende Sicherheitslücken schließen; der Verband der Fleischwirtschaft hält im Internet ein entsprechendes Krisenhandbuch bereit. Jäger wiederum sind aufgefordert, vermehrt Wildschweine zu schießen, was sie ohnehin schon tun; in der vergangenen Saison waren es nahezu 600.000. Außerdem soll auf Fallwild geachtet werden, tote Tiere also, denn anhand der untersuchten Proben kann eine Infektion aufgespürt werden. „So ließe sich die Einschleppung früh erkennen, was im Ernstfall sehr wichtig wäre, um konsequent zu handeln“, erklärt Mettenleiter, der zudem Unfallwild prüfen würde, weil es sich dabei oft um geschwächte Tiere handelt.

Früh erkennen, konsequent handeln

Durch Früherkennung sei es vielleicht möglich, sagt Mettenleiter, eine Situation wie derzeit in Tschechien zu schaffen. Dort sei es den schnell reagierenden Kollegen immerhin gelungen, die Epidemie vorerst einzugrenzen. Das Wild wurde mit Elektrozäunen und Duftstoffen in einer Kernzone gehalten, in der man zunächst nicht jagte, aber daraus die Kadaver entfernte. Und drum herum wurde der Bestand an Schwarzkitteln reduziert. Ähnlich könnte man in Deutschland vorgehen, sollte ein weggeworfenes Wurstbrot im Wald zum Ausbruch führen. Ob das auf Dauer hilft, ist jedoch unklar.

Auch den Forschern auf der Insel Riems gibt die Afrikanische Schweinepest weiterhin Rätsel auf. „Der Erreger ist mit mehr als 150 Genen ein sehr komplexes Virus, das sich der Immunabwehr seiner Wirte entzieht“, sagt Mettenleiter. Wie, ist noch nicht völlig verstanden, ebenso wenig, was all die Gene sollen und warum die üblichen Ansätze der Vakzinentwicklung erfolglos blieben. Bis einmal geeignete Angriffsziele für einen Impfstoff gefunden sind, ist Wachsamkeit geboten. Der Mensch kann in diesem dynamischen Geschehen leichthin zu einem Überträger werden, das Schwein zum Seuchenopfer.

Weitere Informationen:

www.fli.de; www.bmel.de; www.v-d-f.de

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