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Sepsis unterschätzt : Wer denkt schon an Blutvergiftung?

  • -Aktualisiert am

Patient auf der Intensivstation Bild: dpa

In Deutschland gibt es deutlich mehr Sepsisfälle als angenommen. Eine neue Studie korrigiert die Zahlen und schlägt Alarm: Viele Todesfälle könnten verhindert werden, bei der Vorbeugung hapert es gewaltig.

          Der Patient hat Fieber oder Untertemperatur, ist unruhig und verwirrt, sein Herz rast, seine Atmung wird schwer. Analysiert man sein Blut, findet man eine veränderte Konzentration von Plättchen und weißen Blutkörperchen, gemessen am Normalzustand - diese Symptome deuten auf eine schwere Sepsis hin. Es sind klinische Anzeichen, sie genügen, um die Diagnose zu stellen. Ein Erreger, meist ein Bakterium, das in die Blutbahn eingedrungen ist und nun den ganzen Körper befällt, muss nicht notwendigerweise nachgewiesen werden, damit von einer Sepsis - im Volksmund auch als „Blutvergiftung“ bekannt - gesprochen werden kann. Nur in maximal dreißig bis vierzig Prozent der Sepsisfälle ist überhaupt ein Erreger dingfest zu machen.

          Endstation Intensivabteilung.

          Dennoch hat der offizielle Gesundheitsbericht des Bundesministeriums für Gesundheit bisher nur die Sepsisfälle gezählt, in denen Mikroben erkannt werden konnten. Andere Studien berücksichtigten wiederum nur Sepsispatienten, die auf der Intensivstation behandelt wurden. In der Folge derart fokussierter Analysen waren die Zahlen zu Sepsisfällen und Sterblichkeitsraten betroffener Patienten in Deutschland bisher äußerst lückenhaft. In diese Lücke stößt nun eine Studie, die am kommenden Freitag im „Deutschen Ärzteblatt“ erscheint. Mediziner vom Universitätsklinikum Jena und der Medizinischen Hochschule Hannover werteten die deutschlandweite Fallpauschalen-bezogene Krankenhausstatistik (DRG-Statistik) aus. Die Häufigkeit von Sepsisfällen in deutschen Krankenhäusern stieg zwischen den Jahren 2007 und 2013 jährlich um durchschnittlich fast sechs Prozent - von 200 535 auf 279 530 Fälle. Demnach sind die Fallzahlen deutlich höher als bislang angenommen. Einbezogen wurden verschiedene Formen der Sepsis, auch schwere Sepsis und septische Schocks, sowie Fälle, in denen Sepsis nur als Nebendiagnose erfasst worden war. Der Anteil von Patienten mit schwerer Sepsis nahm von 27 Prozent auf 41 Prozent zu.

          Konrad Reinhart, Hauptautor und Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Uniklinikum Jena, hält selbst diese Zahlen noch für unterschätzt. Auch in der wissenschaftlichen Literatur geht man davon aus, dass die Sepsishäufigkeit um den Faktor 2,3 bis 6 unterschätzt wird. Schuld ist wohl unter anderem die komplexe Symptomatik; noch immer ist nicht allen Ärzten geläufig, dass eine Vielzahl von Symptomen - dazu gehört etwa auch Verwirrung - einer Sepsis zuzuordnen sind. Zudem hätten frühere Studien gezeigt, dass bei bis zu zwölf Prozent aller Patienten, die eine Sepsis entwickeln, die typischen Symptome völlig fehlen, so Reinhart, der auch Chairman der „Global Sepsis Alliance“ ist.

          Dass aber generell eine Steigerung bei den Diagnosen zu verzeichnen war, führen die Studienautoren auf den demographischen Wandel und den Fortschritt der Medizin zurück. Therapien, die das Immunsystem schwächen, etwa Chemotherapien bei Krebserkrankungen, werden zunehmend auf Patienten in hohem Alter ausgeweitet. Dementsprechend ist die Häufigkeit der Sepsis in der Altersgruppe der ab 85-Jährigen mit 1434 Fällen pro 100 000 Einwohnern besonders hoch, übertroffen nur von der Gruppe der Neugeborenen mit 1556 Fällen pro 100 000 Einwohnern. Fünfhundert Neugeborene sterben in Deutschland noch immer jährlich an einer Sepsis. „Viele dieser Kinder sind wahrscheinlich Frühgeborene“, erklärt Reinhart. Auch hier ist die Entwicklung der Medizin eine Ursache für den Anstieg der Erkrankung: Wenn immer mehr extrem junge „Frühchen“ überleben, steigt auch die Zahl derer, die eine Sepsis entwickeln. „Mich hat zudem erstaunt, dass die Sepsis auch noch relativ häufig bei Kindern in den ersten Lebensmonaten bis zum ersten Geburtstag ist“, bilanziert Reinhart.

          Generell sank die Sterblichkeitsrate bei Sepsis im Beobachtungszeitraum um 2,7 Prozent auf 24,3 Prozent. 2013 verstarben damit fast 68 000 Menschen an oder mit einer Sepsis. Für die schwere Sepsis ist die Sterblichkeit mit 44 Prozent und für den septischen Schock mit 59 Prozent weiter hoch. Die Sterblichkeit ließ sich in Deutschland bisher nur um im Schnitt knapp ein Prozent jährlich reduzieren, was weit unter den Reduktionen in den Vereinigten Staaten und Australien - bis zu zwei Prozent jährlich - liegt. Postoperative Sepsisfälle seien in Amerika ein offizieller verpflichtender Qualitätsindikator für Kliniken, nennen die Autoren der deutschen Studie einen möglichen Grund für die Unterschiede.

          Volle Konzentration im OP.

          „Wir müssen mehr von anderen Ländern lernen“, fordert Reinhart und nennt als Beispiel auch das australische Projekt „Sepsis kills“ der „Clinical Excellence Commission“, einer Einrichtung, die innerhalb des Gesundheitssystems für Patientensicherheit zuständig ist. Mit Hilfe von „Sepsis kills“ sollen beispielsweise Ärzte besser im Erkennen der Krankheit geschult, ein schnellerer Therapiebeginn soll erreicht werden. „Dass die Sepsissterblichkeit in Australien geringer ist als bei uns, liegt an einer anderen, staatlich begleiteten Sicherheitskultur“, urteilt Reinhart. Er und seine Mitautoren fordern im „Ärzteblatt“ nun auch für Deutschland mehr Prävention. Außerdem halten die Experten es für notwendig, dass die Krankenhäuser künftig verpflichtend über Sepsisfälle berichten; auch der Bund soll das genaue Monitoring der Erkrankung in seine Gesundheitsberichterstattung aufnehmen.

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