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Selbstversuch : Nie mehr ein Morgenmuffel sein

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Wie erholsam ist die Nacht mit Elektroden am Körper wirklich? Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Aufwachen, wenn es am schönsten ist - das verheißt eine neue Erfindung aus den Vereinigten Staaten. Das Prinzip klingt simpel und überzeugend. Doch hält die Idee, was sie verspricht? Christina Elmer hat es im Schlaflabor getestet.

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          Bleischwer drücken sich meine Beine in die Matratze. Die Muskeln sind wie blockiert, als hätten zwei ausgewachsene Elefanten darauf Platz genommen. Auch sonst macht mein Körper keinen besonders bewegungsfreudigen Eindruck, einzig der Kopf ist wirklich wach und sortiert die ersten Wahrnehmungen dieses Tages. Das Zimmer, in dem ich aufwache, gehört zum Schlaflabor. Und das penetrante Piepsen, das mich geweckt hat, zur Uhr an meinem Handgelenk. Die sollte mir eigentlich helfen, beschwingt aus dem Bett zu kommen. Doch jetzt aufstehen und fröhlich pfeifend den Tag beginnen? Unmöglich.

          Dabei klingt das Prinzip des Weckers ebenso simpel wie überzeugend. Der Schlaftracker, so sein halbwegs eingedeutschter Name, erfaßt die Bewegungen während des Schlafs - nicht jedes einzelne Zucken, sondern lediglich größere Positionswechsel. Selbst Menschen mit einem ruhigen Schlaf drehen sich in jeder Nacht bis zu zwanzigmal. „Das passiert in der Regel beim Wechsel von einem Schlafstadium in ein anderes,“ sagt der Berliner Schlafmediziner Ingo Fietze.

          Schnelle Augenbewegungen und szenische Träume

          Diese Schlafstadien bilden im Verlauf der Nacht regelmäßige Zyklen, die sich etwa alle 90 Minuten wiederholen. Nur während der ersten Nachthälfte sinken wir dabei bis in den Tiefschlaf. Das wäre der ungünstigste Zeitpunkt, sich wecken zu lassen. Ebenso unangenehm ist es, aus dem REM-Schlaf aufzuwachen. Von den anderen Schlafphasen ist er leicht zu unterscheiden - durch schnelle Augenbewegungen (rapid eye movements) und szenische Träume.

          Der angeblich sanfte Schlafwecker am Handgelenk registriert Körperbewegungen

          Daran beteiligt sind offenbar dieselben Teile des Gehirns, die auch im wachen Zustand Bewegungen steuern. Dafür, daß wir uns im REM-Schlaf trotzdem kaum rühren, sorgt unter anderem der Botenstoff Glycin. Er legt die Muskeln lahm, indem er ihre Nervenbahnen blockiert. „Wenn man während des REM-Schlafs geweckt wird, fühlt man sich sehr gerädert, weil diese Blockade sich erst mal auflösen muß,“ sagt Björn Rasch vom Schlaflabor der Universität Lübeck.

          „Wachphasen meist kürzer als drei Minuten“

          So ist es nicht verwunderlich, daß der Körper eher in den Übergängen zwischen den Schlafstadien wach wird - im Durchschnitt 28 mal jede Nacht. „Meist sind diese Wachphasen aber kürzer als drei Minuten, so daß wir sie schnell wieder vergessen“, sagt der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley. Auf diese Wachphasen hat es der Schlaftracker abgesehen. Er versucht, eine solche Phase in einem vom Träger des Weckers definierten Zeitfenster zu finden und schlägt dann Alarm. Eine halbe Stunde darf dieses Fenster höchstens offen sein. Ist die Zeit abgelaufen, ohne daß der Schlaftracker eine Bewegung erfaßt, wird geweckt. Erbarmungslos.

          Genauso ist offenbar auch mein Selbstversuch zu Ende gegangen. Das zeigt die Aufzeichnung meiner Hirnströme sowie der Bewegungen von Kinn, Augen und Schienbeinen, übertragen von insgesamt vierzehn Elektroden. Claudia Schilling, Neurologin im Schlaflabor des Zentrums für Seelische Gesundheit in Mannheim, hat sie ausgewertet: „Während der halben Stunde vor dem Wecken sehen wir hier fast ausschließlich REM-Schlaf und keine einzige Wachphase.“ Also auch keine Bewegungen, die der Schlaftracker hätte aufspüren können.

          Erholsamer Schlaf hängt von Dauer und Qualiät ab

          Ob das Gerät diese überhaupt zuverlässig erkennt, läßt sich anhand einer weiteren Funktion prüfen: Der Schlaftracker speichert alle Momente, in denen er eine Bewegung während des Schlafs gemessen hat. Für diese Nacht zeigt das Display fünf Uhrzeiten an - zu wenige, denn nach den Aufzeichnungen sind es deutlich mehr: „Die vorletzte REM-Phase zum Beispiel endete mit einem kurzen Aufwachen und Beinbewegungen. Zusätzlich hat sich die Position des Körpers insgesamt verändert,“ sagt Claudia Schilling. Schwer vorstellbar, daß mein Handgelenk mit dem Schlaftracker dabei ruhig auf der Stelle liegengeblieben ist. Offensichtlich verschläft das Gerät gute Gelegenheiten, seinen Träger sanft aus dem Schlaf zu holen.

          Doch steckt dahinter nicht ein vielversprechender Ansatz, der nur noch weiterentwickelt werden müßte? Für Claudia Schilling basiert das Prinzip des Schlaftrackers auf einem Denkfehler: „Wie erholsam Schlaf ist, hängt von seiner Dauer und Qualität ab. Nicht von dem Moment, in dem jemand aufwacht.“ Natürlich könne es sich unangenehm anfühlen, aus dem Tief- oder REM-Schlaf gerissen zu werden - allerdings nur kurzfristig.

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