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Seilschaften um den Zucker : Die süße Versuchung

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Wie gesund ist Zucker? Eine schwierige Frage, wenn die Zuckerindustrie mitmischt. Bild: dpa

Noch immer werden Ernährungswissenschaftler von der Industrie gesponsert. Entsprechend positiv fallen häufig die Ergebnisse aus. Wie frei sind Forscher, wenn sie am Finanztropf eines Unternehmens hängen?

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          Forschung sollte eigentlich der Wahrheitsfindung dienen. Dass sie diesem Anspruch längst nicht immer genügt, hat häufig entweder personenspezifische oder finanzielle Gründe. Leicht getrübt wird der Blick für das Wahrhaftige etwa durch hartnäckig verteidigte Hypothesen. So liegt manchen Forschern mehr daran, die eigenen Vorstellungen auf Biegen oder Brechen bestätigt zu wissen, als neuen Erkenntnissen ein Daseinsrecht einzuräumen.

          Nicht weniger verhängnisvoll ist eine allzu große wirtschaftliche Abhängigkeit von der Industrie. Sicherlich, Forschung kostet viel Geld - zu viel, um allein von staatlichen Institutionen geschultert werden zu können. Vor allem große Therapie- und Gesundheitsstudien wären ohne Finanzspritzen aus der Industrie größtenteils nicht realisierbar. Gerade hier kann übermäßige Nähe zum Sponsor allerdings verhängnisvolle Konsequenzen haben.

          Süßer Geldsegen für Forschung

          Eine Ahnung davon vermitteln die Ergebnisse einer Recherche von Wissenschaftlern um Christin Kearns vom Philip Lee Institute for Health Policy Studies in San Francisco. In enger Absprache mit der Zuckerindustrie haben demnach Ernährungswissenschaftler mehrerer amerikanischer Universitäten, darunter so renommierter wie der Harvard-Universität, in den 1950er und 1960er Jahren die schädlichen Folgen eines übermäßigen Zuckerverzehrs kleingeredet - und damit möglicherweise die Specklawine in ihrem Land mit ins Rollen gebracht. Besonders krass: Für einen weithin beachteten Übersichtsartikel, in dem sie das Cholesterin als wichtigsten Infarktverursacher verteufelten und den Zucker diesbezüglich in Schutz nahmen, wurden die Wissenschaftler von der Sugar Association, einem Dachverband der amerikanischen Zuckerindustrie, mit einer stattlichen Summe belohnt.

          Ob die Autoren einen hohen Zuckerkonsum tatsächlich für harmlos hielten oder der süße Geldsegen ihre Hand lenkte, geht aus der von Kearns und ihren Kollegen ausgegrabenen Korrespondenz nicht hervor. Die Tatsache, dass die Professoren im Auftrag und damit als Erfüllungsgehilfen der Zuckerindustrie handelten, ist indes Skandal genug. Wer glaubt, solche Szenarien gehörten der Vergangenheit an, irrt. Erst vergangenes Jahr kam ans Licht, dass die britische Regierung in Ernährungsfragen jahrelang von Wissenschaftlern beraten wurde, die Forschungsgelder von der Zuckerindustrie erhalten hatten. Dies ist zwar noch kein Beleg für eine interessengesteuerte Beratungstätigkeit.

          Andererseits: Wie frei sind Wissenschaftler in ihrer Meinungsäußerung, wenn sie am Finanztropf eines gewinnorientierten Unternehmens hängen? Diese Frage stellt sich nicht zuletzt auch bei den medizinischen Leitlinien. So verfügt ein erheblicher Anteil der Experten, die an der Erstellung solcher Diagnose- und Therapieanleitungen für Ärzte mitwirken, über enge Kontakte zur Industrie. Sehr viel überzeugender wären deren Argumente indes, wenn die Verfasser solcher Empfehlungen, die für Patientenversorgung eine emminent wichtige Rollte spielen, keinerlei Interessenkonflikte aufwiesen.

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