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Schweinegrippevirus : Einfach abwarten hilft leider auch nicht

  • -Aktualisiert am

Der Schweinegrippevirus A/CA/4/09, aufgenommen von der amerikanischen Seuchenkontrollbehörde CDC Bild: dpa

Rund zwei Milliarden Euro würde es kosten, alle Bundesbürger gegen das H1N1-Virus zu impfen. Weil die Pandemie bisher milde verläuft, stellt sich die Frage: Lohnt es sich?

          Die Domstadt hat die Seuche im Griff. Stolz führt Jan Leidel Besucher in den Raum, wo der Pandemie-Krisenstab im Kölner Gesundheitsamt tagt. Direkt neben seinem Chefzimmer sind acht Stühle mit dazugehörigen Computern im Achteck angeordnet. Heute aber sitzt dort nur ein Beamter, der auf seinen Feierabend wartet. "Die H1N1-Fälle tröpfeln hier eher, als dass sie strömen", beschreibt Amtsleiter Leidel die Lage. Den Ernstfall der Pandemie habe auch er sich anders vorgestellt. Bisher nur milde Verläufe, keine Krankenhauseinweisungen in Köln. Sofort klopft der Arzt auf Holz, als wolle er böse Gedanken vertreiben.

          Es geht darum, erstmals in der Geschichte einen Seuchenzug bereits kurz nach seinem Start zu bremsen - bei H1N1, dem jetzt weltweit kursierenden Schweinegrippevirus, könnte das gelingen. Zu den mächtigsten Waffen zählt dabei die Option zum Kauf von Impfstoffen zum Schutz für die gesamte Bevölkerung. So sieht es der Pandemie-Plan vor.

          Der deutsche Plan ist gut, wird aber derzeit zur Makulatur. Denn die erste Pandemie im 21. Jahrhundert verläuft milde bis moderat und stellt aktuell "keine relevante Gefährdung der deutschen Bevölkerung dar". Das zumindest verkündeten die Gesundheitsminister der Länder auf ihrer Konferenz vergangene Woche in Erfurt. Auch die Bundesbürger selbst fühlen sich kaum noch bedroht - von einem in Wahrheit unberechenbaren Erreger, den man vor drei Monaten gerade erst entdeckte. Aber ihre Politiker gehen noch weiter: Allein ein "konkretes Gefahrenpotential" durch hohe Ansteckungsraten und schwere Krankheitsverläufe sollte künftig den WHO-Alarm im Falle einer Pandemie auslösen. Die Behörde müsse ihr Warnsystem entsprechend reformieren, forderten jetzt die deutschen Minister.

          Keine akute Gefahr, also kein Impfstoff-Automatismus

          Dahinter versteckt sich eine Botschaft: Einen Impfstoff für alle Bundesbürger gegen H1N1 wird es im Herbst nicht geben. "Nur für einen ganz aggressiven Verlauf einer Pandemie brauchten wir eine Schutzimpfung für alle Bundesbürger", erklärte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Die Bundesländer, aber auch die europäischen Politiker müssten nun Einigkeit auf dem Weg zu einer klugen Impfstrategie demonstrieren. Sonst drohten sie "zum Spielball der pharmazeutischen Industrie" zu werden.

          Hinter den Kulissen wurde offenbar schon deren Macht demonstriert nach dem Motto: Wenn Deutschland die vertraglich zugesicherten Orders nicht zügig in konkrete Bestellungen für Pandemie-Impfstoff verwandele, erhielten andere kaufwillige Staaten den Zuschlag für den begehrten und knappen H1N1-Impfstoff. Nach den Beratungen in Erfurt zeigte sich die Thüringer Gesundheitsministerin und Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz gelassener: Die Bundesländer, versichert Christine Lieberknecht, müssten "keinesfalls einen von der Gefährdungslage losgelösten Automatismus akzeptieren".

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