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Schuppenflechte-Therapie : Rosarot ist die Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Strukturformel der aktiven Form des Vitamins B12 Bild:

Gibt es eine Wundersalbe, die gegen Schuppenflechte hilft und von der Pharmaindustrie zurückgehalten wird? Ein ARD-Film behauptet das. Doch die Belege sind mehr als dürftig.

          Die Zutaten sind einfach, so ist das meistens in solchen Fällen: Vitamin B12, Avocado-Öl, Wasser. Fertig ist die Creme, die gegen Schuppenflechte und Neurodermitis helfen soll. Praktisch ohne Nebenwirkungen, wissenschaftlich getestet, patentiert. Ein Segen für die Menschheit. Wenn nur die niederträchtige Pharmaindustrie das dringend benötigte Produkt nicht boykottieren würde. Der Erfinder Karsten Klingelhöller wird bei den Bemühungen, seine Wundercreme auf den Markt zu bringen, fast wahnsinnig. Hochverschuldet lebt er heute in einer Schweizer Klinik.

          So erzählt es jedenfalls der Fernsehjournalist Klaus Martens in seinem Film "Heilung unerwünscht". Und in seinem gleichnamigen Buch, das demnächst bei Dumont erscheint. Als der Film am vergangenen Montag von der ARD zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde, löste er ein gewaltiges Echo aus. In Onlineforen diskutierten Betroffene, welches Rezept aus welcher Patentschrift wohl die versprochene Heilung bringen würde. Mitte der Woche herrschte in Teilen Deutschlands bereits akuter Vitamin-B12-Mangel; ein Hersteller, die Firma Caesar & Loretz in Hilden bei Düsseldorf, kam mit den Lieferungen nicht mehr nach. Auch die Vorverkaufszahlen des Buches zum Film schossen in die Höhe: Bei Amazon stand WDR-Redakteur Martens zeitweilig kurz hinter Dan Brown und vor der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

          Samt PR-Agentur

          Man könnte sagen: Alles läuft wie geschmiert. Wie aus heiterem Himmel findet sich nach beinahe zwanzig Jahren vergeblicher Liebesmühe sogar ein Unternehmen, das den Vertrieb von Karsten Klingelhöllers phantastischer Erfindung übernehmen will: Die Mavena Health Care AG aus der Schweiz will in die Bresche springen. Und im Internet sind die ersten Probepackungen angeblich schon zu haben.

          So kurzfristig kann das alles aber nicht geplant gewesen sein. Der Deal mit den Schweizern muss spätestens Ende September zustande gekommen sein. Die Vitamincreme besitzt auch schon den eingetragenen Handelsnamen "Regidiverm" sowie die Pharmazentralnummer 5523487, eine Art Personalausweis für Produkte, die in der Apotheke verkauft werden sollen. Die Anmeldefrist lief dazu am 25. September aus. Bei Mavena heißt es, man habe schon seit langem Interesse an einer Zusammenarbeit. Und einen Salbenlieferanten gibt es auch schon: Die Remscheider Regeneratio Pharma GmbH. Im Vorfeld der ARD-Sendung hatte diese eigens eine PR-Agentur angeheuert, um Patientenverbände zu mobilisieren.

          Rüdiger Weiss ist heute einer von zwei Regeneratio-Geschäftsführern. Das Unternehmen war einst von Karsten Klingelhöller als Aktiengesellschaft gegründet worden. 2004 musste der gescheiterte Klingelhöller Insolvenz anmelden, die Konkursmasse samt den Patenten übernahmen Weiss und ein paar weitere Investoren. Regividerm soll nun nicht mehr, wie ursprünglich von Klingelhöller geplant, als Arzneimittel auf den Markt gelangen. Sondern als sogenanntes Medizinprodukt. Die Prüfstelle hätte ihm dazu geraten, sagt Weiss der Sonntagszeitung.

          Beste klinische Studien?

          Der Unterschied zwischen Medikament und Medizinprodukt ist juristisch wie faktisch eklatant: Arzneimittel, die sich gegen Volksleiden wie Schuppenflechte richten, müssen vor einer Zulassung aufwendige klinische Studien durchlaufen, in denen ihre Sicherheit und Wirksamkeit erst in kleinen Gruppen und später an einigen tausend bis hunderttausend Patienten erprobt wird. Ein solcher Testlauf kann gut und gern zehn Jahre dauern und dreistellige Millionenbeträge verschlingen. Im Gegensatz dazu sieht das Medizinproduktegesetz lediglich eine Zertifizierung und eine Erlaubnis durch die zuständige Landesbehörde vor. Erstere bekam Weiß bereits im August, auf Letztere wartet er noch. Über die Wirksamkeit einer Salbe sagt ein Medizinprodukte-Zertifikat überhaupt nichts aus.

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