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Zweifel an Demenzprävention : Schützt die Grippeimpfung vor Alzheimer?

  • -Aktualisiert am

Kleiner Pieks mit großem Nutzen? Ob die Grippeimpfung auch Demenz vorbeugt, ist zweifelhaft. Bild: dpa

Hat die jährliche Grippeimpfung einen Zusatznutzen? Hoffnungsvolle Studienergebnisse zur Demenzprävention beruhen möglicherweise nur auf einer zufälligen Korrelation.

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          Wenn in Deutschland derzeit über Impfungen gesprochen wird, geht es vor allem um Impfskepsis, mögliche Risiken und die schleppende Impfkampagne gegen Covid-19. Dass Impfungen – und zwar vor allem solche mit Lebendimpfstoffen – das Immunsystem insgesamt trainieren und damit möglicherweise auf andere Missstände im Körper aufmerksam machen, wird kaum gesehen. Die BCG-Impfung gegen Tuberkulose schützt zum Beispiel vor weiteren Atemwegsinfektionen und war – wie die Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln – auch als Schutz vor einem schweren Covid-19 Verlauf im Gespräch.

          Ein möglicher Zusatznutzen, der aufhorchen lässt, steht nun auch für die Grippeimpfung im Raum. Mehrere Studien legen nahe, dass sie das Risiko für eine Alzheimer-Demenz reduziert. Je früher sich die Menschen im sechsten Lebensjahrzehnt impfen lassen und je regelmäßiger sie dies tun, desto größer könnte der Nutzen sein. Die jüngste Studie stammt von Jeffrey Scherrer von der Saint Louis University und seinen Kollegen und ist vor wenigen Tagen in der Fachzeitschrift Vaccine erschienen. Die Wissenschaftler haben die Krankenakten von 120.000 hauptsächlich männlichen US-Veteranen ausgewertet, von denen die meisten eine weiße Hautfarbe hatten.

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          Danach sinkt das Erkrankungsrisiko durch regelmäßige Grippeimpfungen um zwölf Prozent, allerdings nur, wenn im Laufe von sechs bis sieben Jahren mindestens sechsmal geimpft wird. „Dieser Effekt ist nicht unerheblich“, schreibt Richard Dodel von der Universität Duisburg-Essen in einer Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Bei jährlich etwa 330.000 Demenz-Neuerkrankungen in Deutschland könnten somit durch regelmäßige Grippeimpfungen fast 40.000 Menschen jährlich vor der Diagnose Demenz bewahrt werden.“

          Auf der Internationalen Konferenz der amerikanischen Alzheimer’s Association im vergangenen Jahr wurden ebenfalls Zahlen genannt. Albert Amran vom Health Science Center der University of Texas in Houston und seine Kollegen berichteten von einem 17-prozentigen Rückgang des Erkrankungsrisikos nach einmaliger Impfung und einer weiteren Verringerung um 13 Prozent bei jährlichen Vakzinierungen. Anscheinend reduzieren auch andere Impfungen das Risiko für eine Alzheimer-Demenz. Scherrer und seine Kollegen sehen auch eine positive Wirkung bei der Impfung gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten. Svetlana Ukraintseva von der Duke University sieht Effekte bei der Pneumokokken-Impfung. Letztere schützt vor einer bakteriellen Lungenentzündung.

          Alzheimer-Demenz ist auch ein Immunversagen

          Doch welche Aussagekraft haben diese Studien? Keine davon hat ein hochwertiges Design. In allen wurden Krankenakten nachträglich ausgewertet. Solche rückwärtsgewandten Studien zeigen lediglich, dass zwei Ereignisse korrelieren, nicht, dass eines die Ursache für das andere ist. Alle Studienautoren haben zwar versucht, verzerrende Einflüsse wie einen geringen Bildungsgrad, wenig Bewegung und langjähriges Rauchen zu berücksichtigen, aber das ändert nichts daran, dass Korrelationen keine Beweiskraft haben.

          Warum sind diese Ergebnisse dennoch bemerkenswert? Zum einen wäre die Aussicht bestechend, sich mit einer Grippeimpfung gegen eine Alzheimer-Demenz wappnen zu können. Wenn das Risiko für das krankhafte Vergessen durch diesen kleinen Piks verringert würde, wäre das in der Tat ein Erdrutsch bei der Demenzprävention. Zum anderen gibt es auch eine plausible Erklärung, wie diese Wirkung zustande kommen könnte, was von Tierversuchen untermauert wird.

          Alzheimer-Demenz – das ist inzwischen klar – ist immer auch ein Immunversagen. Daher könnte ein impfbedingtes Training des Immunsystems, bei dem viele Botenstoffe freigesetzt werden, die Körperabwehr in eine erhöhte Alarmbereitschaft versetzen. Das betrifft auch die sogenannten Mikroglia-Zellen im Gehirn. Diese gehören zum angeborenen Immunsystem und melden ihm die Gefahren, denen sie im Hirn begegnen. Mikroglia-Zellen sind aber auch ein Teil des Reinigungssystems, mit dem das Gehirn während des Schlafs von allerlei Zellschrott und Proteinabfällen befreit wird. Versagt dieses Reinigungssystem, weil die Mikroglia-Zellen kapitulieren, sammelt sich der Proteinmüll an und wird zum Problem. Das Training durch die Grippeimpfung könnte den Mikroglia-Zellen den entscheidenden Kick geben, damit diese sich wieder an der Beseitigung des Proteinmülls beteiligen. Das ist in Experimenten mit Alzheimer-Mäusen gezeigt worden.

          Derzeit ist dieser Befund allerdings nur ein Puzzlestein, der möglicherweise gar kein Bild ergibt. Scherrer und seine Kollegen nennen auch andere Erklärungen für den Zusammenhang zwischen der Grippeimpfung und dem Rückgang des Erkrankungsrisikos für eine Alzheimer-Demenz: Eine davon ist, dass Menschen, die sich regelmäßig impfen lassen, gesünder leben und daher auch ein geringeres Erkrankungsrisiko haben. Eine andere mögliche Erklärung ist, dass Menschen mit einer beginnenden Demenz häufiger zum Arzt gehen und dabei auch gegen Grippe geimpft werden. Wenn diese beiden Erklärungen zutreffen, hat sich die interessante Hypothese vom Nutzwert der Grippeimpfung für die Demenzprävention erledigt.

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