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Schluckstörungen : Wohl bekomm’s!

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Fein püriert und flüssig, bleibt Essen nicht im Halse stecken. Aber auf Dauer ist der Mixer keine Lösung für Patienten mit Schluckproblemen. Bild: Plainpicture

Wenn Essen und Trinken zur Last fallen, ist das eine ernste Sache. Mediziner und Logopäden können helfen, das Schlucken wieder zu lernen.

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          Wie eine schwarze Wolke rauscht das Kontrastmittel den Kehlkopf herab in die Speiseröhre, wirbelt dabei in kleine Vertiefungen hinein und schwappt wieder heraus: einmal, zweimal, dreimal. Aufmerksame Blicke verfolgen das an die Wand projizierte Video. Immer wieder, bis Monther Bajbouj, Oberarzt im Münchner Klinikum rechts der Isar, die Aufnahme des misslungenen Schluckvorgangs schließlich stoppt und fragt: „Und, was machen wir?“

          Willkommen zur Konferenz der Arbeitsgemeinschaft Dysphagie, wie Schluckstörungen medizinisch genannt werden. Alle zwei Wochen kommen Ärzte verschiedener Fachrichtungen so in München zusammen, um über etwas zu sprechen, das für viele selbstverständlich erscheint - das Schlucken. Darunter sind Gastroenterologen wie Bajbouj, Chirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Neurologen und Logopäden aus verschiedenen Münchner Kliniken und Praxen im Stadtgebiet.

          Patienten, deren Fall in dieser Runde besprochen wird, können sich glücklich schätzen. Jeder fünfte Deutsche über 55 Jahren leidet an Schluckstörungen. Sie betreffen, wie die bunte Zusammensetzung der Münchner AG Dysphagie zeigt, mindestens fünf verschiedene medizinische Fachrichtungen. Für eine erfolgreiche Therapie sei es wichtig, dass alle fünf Disziplinen miteinander reden, sagt Bajbouj. Das ist nicht immer die Regel. Bis auf wenige ähnlich organisierte Zentren in Deutschland bleibt es dem Zufall überlassen, an welchen Arzt ein Betroffener gerät - und ob dieser die korrekte Diagnose stellt und die richtige Therapie wählt.

          Viele Ärzte, viele Meinungen

          So bekamen laut Heil- und Hilfsmittelreport 2013, der aktuellsten Auswertung, nicht einmal ein Viertel aller Patienten mit der Diagnose Dysphagie eine Schlucktherapie beim Logopäden verordnet. „Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer an Patienten, bei denen die Schluckstörung übersehen wird“, sagt Kerstin Bilda, Professorin für Logopädie an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. „Dabei handelt es sich um eine lebensbedrohliche Erkrankung, die zudem die Lebensqualität extrem beeinträchtigt.“

          Ein Grund für den Versorgungsmangel liegt darin, dass unter Schluckstörungen ein extrem breites Spektrum von Beschwerden fällt. Es reicht vom rüstigen Rentner, der Probleme hat, seinen Cappuccino herunterzubringen, bis zum Pflegebedürftigen, der mit einer Sonde ernährt werden muss. Manchen Patienten bereiten nur ganz bestimmte Flüssigkeiten Probleme, manchen besonders feste oder faserige Nahrungsmittel. Dysphagie ist eine typische Begleiterscheinung von Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma, tritt aber auch bei Parkinson, Demenz und Multipler Sklerose auf. Tumore oder Spätschäden einer Bestrahlungstherapie kommen ebenso als Ursache in Frage wie kleine Schleimhaut-Ausstülpungen im Rachen oder schlicht altersbedingte Veränderungen am Kau- und Schluckapparat.

          Am Schluckvorgang, der bei Gesunden bis zu tausend Mal pro Tag unbewusst abläuft, sind rund fünfzig Muskelpaare und sechs Hirnnerven beteiligt. Vielen Fachärzten fällt es aber schwer, über das eigene Fachgebiet hinauszublicken. Mit fatalen Folgen: Ist organisch alles in Ordnung, wird Patienten mitunter suggeriert, dass ihr Problem psychischer Natur sei - anstatt sie an einen fähigeren Kollegen zu überweisen. Von Einigkeit über die beste Therapie sind die verschiedenen Disziplinen häufig weit entfernt. „Dabei kann heutzutage keiner mehr alle Felder abdecken. Das Kompetenzgerangel kommt aber nicht dem Patienten zugute“, sagt Kerstin Bilda.

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