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Schlaganfall-Risiko : Ein Schirm zur Beruhigung

  • -Aktualisiert am

In dem Kollektiv der Schirmchen-Träger erlitt innerhalb von drei Jahren daraufhin ein Prozent der Patienten erneut einen Schlaganfall; in der Vergleichsgruppe waren es fünf Prozent, also deutlich mehr. Auch stumme Hirnattacken – lediglich mit bildgebenden Verfahren nachweisbare Minischlaganfälle – ereigneten sich bei den ausschließlich medikamentös versorgten Teilnehmern vergleichsweise häufiger, und zwar bei elf Prozent und damit bei etwa doppelt so vielen Probanden wie in der anderen Gruppe. Weniger ausgeprägt war der Nutzen der Schirmchen-Implantation in einer weiteren Studie, „Respect“. Hier zeigte sich die therapeutische Überlegenheit der Kathetertherapie erst nach rund sechs Jahren. Einer der Gründe für das unbefriedigende Abschneiden der Verschlusstechnik war offenbar, dass gängigere Schlaganfallursachen nicht strikt ausgeschlossen worden waren.

Erfolg der Schirmchen

Als besonders erfolgreich erwies sich der Eingriff hingegen in einer Studie namens „Close“, die als einzige nicht von der Industrie, sondern mit öffentlichen Mitteln finanziert worden war. Die daran beteiligten 663 Schlaganfallopfer waren ebenfalls erst Mitte vierzig und hatten wie die Probanden der beiden anderen Studien zum Teil nur Aspirin oder ein anderes Anti-Thrombose-Mittel eingenommen und zum Teil eben außerdem ein Schirmchen-Implantat erhalten. Das Ergebnis: Bei den Schirmchen-Trägern kam es im Verlauf von fünf Jahren zu keinem Schlaganfall, während im anderen Kollektiv sechs Prozent der Patienten ein solches Schicksal ereilte. Die Kathetertherapie war allerdings nicht immer gleichermaßen nutzbringend. Vielmehr profitierten vorwiegend Personen, deren Herztrennwand ein besonders großes Loch aufwies oder stark vorgewölbt war.

Weiter unklar ist der Nutzen bei einer anderen Gruppe von Betroffenen, und zwar bei Personen, die sich einer Operation unterziehen. Da größere Eingriffe mit einem erhöhten Risiko von Venenthrombosen einhergehen, kann ein Loch in der Vorhofscheidewand möglicherweise verhängnisvolle Konsequenzen haben. Dafür sprechen jedenfalls die Ergebnisse einer aktuellen Studie von Forschern aus Boston.

Und wie steht es um die Sicherheit der Verschluss-Systeme? „Früher kam es immer wieder vor, dass die Schirmchen verrutscht sind und teils ernste Komplikationen hervorgerufen haben. Solche Zwischenfälle beobachtet man inzwischen zwar nicht mehr“, sagt Christian Nolte vom Centrum für Schlaganfallforschung der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Dennoch sei das Verfahren nicht frei von Nebenwirkungen. So führe es bei einigen Patienten – in den Studien betraf es rund fünf Prozent – zu Vorhofflimmern. Bedenklich daran: Diese Herzrhythmusstörung begünstigt ihrerseits die Ausbildung von Schlaganfällen. „Laut den bisherigen Beobachtungen scheint das Vorhofflimmern nicht von Dauer zu sein. Langfristige Untersuchungen stehen bis jetzt allerdings noch aus“, gibt der Berliner Neurologe zu bedenken und fügt hinzu: „Insgesamt wissen wir noch nicht, ob und falls ja, welche Komplikationen das Verfahren langfristig hervorruft. Bevor man den meist jungen Patienten ein Schirmchen implantiert, muss man daher wirklich sicher sein, dass der Schlaganfall nicht andere Ursachen hat.“ Auch Werner Hacke, ehemals Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik der Universität Heidelberg, rät zur Vorsicht. „Die Entscheidung, das Foramen ovale zu verschließen, sollte immer von Kardiologen und Neurologen gemeinsam getroffen werden“, betont er. Damit lasse sich am ehesten verhindern, dass die Kardiologen die Schirmchen-Technik-Katheterverfahren nicht zu großzügig anwenden.

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