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Schlafforschung : Mehr Leid nach unruhigen Nächten

  • -Aktualisiert am

Wären doch nur alle Träume produktiv. Bild: dpa

Führt Schlaflosigkeit zu Schmerzen, oder raubt der Schmerz die Nachtruhe? Ärzte erkunden, wie zwei Symptome miteinander verbunden sind.

          Schlaf und Schmerz bilden einen Teufelskreis. Mysteriös, dumpf und nagend raubt chronischer Schmerz den Menschen den Schlaf - und wer schlecht schläft, wird schmerzempfindlicher und erlebt die Pein noch quälender. Schlafstörungen und chronischer Schmerz sind offenbar zwei Seiten einer Medaille. Allerdings hat die Schlafmedizin noch keine Antwort darauf gefunden, ob sich die beiden Symptome gegenseitig aufrechterhalten oder nur assoziiert sind. Nach den aktuellen Zahlen haben fünfzig bis achtzig Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen eine Schlafstörung. Von den Kopfschmerzpatienten schlafen 75 Prozent schlecht. Von den Patienten mit Schmerzstörungen ohne organische Ursache finden 84 Prozent keinen erholsamen Schlaf. Christoph Pieh von der Donau-Universität im österreichischen Krems verwies bei der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin in Mainz auf Studien, nach denen Patienten, die vor einer Operation schlecht schlafen, nach der Operation mehr Schmerzen haben als diejenigen, die vorher gut schlafen. Pieh leitete daraus ab, dass es vermutlich besser sei, nach einer durchwachten Nacht nicht zum Zahnarzt zu gehen.

          Wie eng Schmerz und Schlaf korrelieren, machte Svenja Happe von der Klinik Maria Frieden in Telgte am Beispiel von Migräne und Clusterkopfschmerz deutlich. Migräne-Attacken würden oft im REM-Schlaf entstehen, sagte die Neurologin in Mainz. Attacken gebe es außerdem häufig am Wochenende, wenn das Schlafmuster anders sei als an den Werktagen und länger geschlafen werde. Nach den Migräne-Attacken sei der REM-Schlaf kürzer und die Schlafqualität schlechter. Der REM-Schlaf ist die Schlafphase, in der sich die Augen schnell bewegen, der Blutdruck steigt und die Herzfrequenz und die Atmung unregelmäßig werden. Eine Attacke endet oft mit einem tiefen und erholsamen Schlaf. Schlafen hat bei der Migräne also offenbar auch eine therapeutische Wirkung.

          Kopfschmerzen im Schlaf

          Noch deutlicher ist die Korrelation von Schmerz und Schlaf beim Clusterkopfschmerz. Laut Happe treten 60 Prozent der Attacken in der Nacht auf. Patienten mit Clusterkopfschmerzen haben weniger REM-Schlaf und leiden oft unter einer obstruktiven Schlafapnoe, bei der die Atmung nachts kurzzeitig aussetzt. Eine Schlafapnoe hat auch oft eine Schlafstörung zur Folge. Des Weiteren sei Schnarchen ein unabhängiger Risikofaktor für morgendliche Kopfschmerzen, erklärte Happe in Mainz. Nächtliches Zähneknirschen habe nicht selten Kopfschmerzen zur Folge, und jeder vierte Patient mit Restless Legs-Syndrom wache mit Kopfschmerzen auf.

          Beim Restless-Legs-Syndrom verspüren die Patienten in der Nacht einen unangenehmen Bewegungsdrang, was häufig zu einer Schlafstörung führt. Die Neurologin nannte auch zwei seltene Kopfschmerzerkrankungen, die ausschließlich im Schlaf entstehen und noch nicht klassifiziert worden sind. Das ist zum einen der sogenannte „Turtle Headache“, für den es noch keinen deutschen Begriff gibt, und der primäre schlafgebundene Kopfschmerz. Ersterer tritt beim zweiten Erwachen auf, nachdem die Betroffenen in den frühen Morgenstunden noch einmal eingeschlafen sind. Letzerer beginnt im Schlaf und weckt die Patienten schlagartig auf.

          Verhaltenstherapie gegen Schlafstörung

          Was könnte die anatomische und physiologische Grundlage für die enge Verbindung von Schmerz und Schlaf sein? Martin Aigner von der Universitätsklinik in Tulln, Österreich, verwies darauf, dass die Entstehung des Schmerzes und die Stabilisierung des Schlafes in denselben Regionen des Gehirns stattfinden. Überlappungen gibt es auch bei den neuronalen Botenstoffen. Acetylcholin fördert zum Beispiel Wachheit, löst aber auch den REM-Schlaf aus und erhält ihn. Dieser Botenstoff wird zudem bei einer Verletzung freigesetzt und von den Rezeptoren wahrgenommen, die die Weiterleitung des Schmerzsignals veranlassen. Überschneidungen gibt es auch bei den Endorphinen. Diese fördern den Tiefschlaf und wirken als körpereigene Opioide schmerzstillend. Nicht umsonst heißt die Pflanze, die lange Zeit die Hauptquelle für Opium war, Schlafmohn. Überlappungen gibt es bei mindestens vier weiteren Botenstoffen.

          Peter Geisler vom Bezirksklinikum Regensburg verwies bei der Jahrestagung in Mainz darauf, dass die gegen Schlafstörungen eingesetzte kognitive Verhaltenstherapie chronische Schmerzen lindere. Allerdings lindere sie nicht den Schmerz durch Fibromyalgie. Dabei handelt es sich um einen chronischen Faser-Muskel-Schmerz. Geisler plädierte dafür, dass Schmerz und Schlafstörungen unabhängig voneinander behandelt werden. Eine Schlafstörung könne auch dann auftreten, wenn die Schmerzen nachts nicht angemessen behandelt werden, sagte er in Mainz. Viele Ärzte seien offensichtlich der Ansicht, dass Schmerzpatienten in der Nacht weniger Opioide nötig hätten, weil der Schlaf den Schmerz überdecke. Das sei aber nicht der Fall. Deshalb komme es in der Nacht immer wieder zu sogenannten Durchbruchschmerzen. Geisler machte deutlich, dass Schmerzen auch nachts angemessen therapiert werden müssen.

          Erholsamer Schlaf ist ein Grundbedürfnis des Menschen und eine wesentliche Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden. Im Schlaf konsolidiert sich auch das Gedächtnis und damit das Bewusstsein. In den achtziger Jahren ging man davon aus, dass ein Kernschlaf von fünf Stunden genügt, der durch zwei bis drei weitere Stunden zu einer optimalen Schlafzeit ausgebaut werden kann. Neuere Untersuchungen belegen allerdings, dass mindestens sieben Stunden Schlaf nötig sind. Bereits zwei Wochen mit nur vier bis sechs Stunden Schlaf pro Tag führen schon zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit.

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