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Schlafforschung : Schlafmangel - Krankheit ohne Definition

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Chronische Belastungen und Schicksalsschläge begünstigen das Auftreten von Schlafstörungen, zeigt eine Studie. Wie viel Schlaf nötig ist, um erholt zu sein, weiß man indes noch nicht.

          Jeder wünscht sich einen erholsamen Schlaf. Für viele Menschen bleibt dies allerdings nur ein Wunsch, weil sie trotz günstiger äußerer Umstände nicht ein- oder durchschlafen können. Die Internationale Klassifikation der Schlafstörungen listet 88 verschiedene Varianten. Viele sind die Folge einer Grunderkrankung, wie etwa einer Schlafapnoe, bei der die Atmung nachts kurzzeitig aussetzt, oder eines Restless-Leg-Syndroms, bei dem die Beine nachts einen unangenehmen Bewegungsdrang zeigen. Diese als Begleiterkrankungen auftretenden Schlafstörungen bessern sich in der Regel, wenn die Grunderkrankung behandelt wird.

          Etwa drei Prozent der Bevölkerung leiden allerdings unter einer Schlafstörung, für die es keine nachweisbaren organischen Ursachen gibt. Man bezeichnet sie als primäre Insomnie im Unterschied zu den sekundären Insomnien, die als Folge einer Grunderkrankung auftreten. Der Krankheitswert der primären Insomnie wird am Leidensdruck festgemacht. Weil sich die Betroffenen am anderen Tag mitgenommen fühlen, weil sie weniger leistungsfähig und konzentriert sind, stolpern, fallen und eine allgemeine Schwäche verspüren, gilt die primäre Insomnie als Krankheit. Ohne Leidensdruck würde man von einem Kurzschläfer sprechen. Die Diagnose beruht demnach vor allem auf den subjektiven Angaben der Betroffenen. Die durchschnittliche Schlafdauer wird in der Regel mit der Frage erhoben: "Wie lange schlafen Sie üblicherweise?" Eine Überprüfung der Angaben im Schlaflabor gehört nicht zur diagnostischen Routine und wird in der einschlägigen Literatur auch nicht empfohlen.

          Keine allgemein akzeptierte Definition

          Wieviel Schlaf ist nötig, um sich anderntags erfrischt und leistungsfähig zu fühlen? Nach fünf Jahrzehnten Schlafforschung gebe es keine eindeutige, empirisch gesicherte Antwort auf diese Frage, schreibt Dieter Riemann von der Universitätsklinik Freiburg in einem Beitrag für das Bundesgesundheitsblatt, das dem Thema Schlafstörungen unlängst eine ganze Ausgabe gewidmet hat (Bd. 54, S. 1296). Folglich gebe es auch keine allgemein akzeptierte Definition von Schlafmangel, so der Psychologe weiter. Die alte, noch in den achtziger Jahren vorgetragene These, dass fünf Stunden Kernschlafzeit genügen, werde durch neuere Studien nachhaltig in Frage gestellt, so Riemann in seinem Beitrag. Aktuelle Untersuchungen hätten gezeigt, dass gesunde Probanden bereits nach zwei Wochen mit nur vier bis sechs Stunden Schlaf pro Nacht in ihrer neuropsychologischen Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt seien. Das spricht für ein größeres Schlafbedürfnis. Auch für die Beurteilung der Schlafqualität gebe es keine allgemein anerkannten Kriterien, schreibt Jörg Heitmann von der Universitätsklinik Marburg in der gleichen Ausgabe des Bundesgesundheitsblattes (S. 1276). Vorgeschlagen worden seien die im Schlaflabor erhobene Zahl der Weckreaktionen, bei denen sich die Tiefe des Schlafes ändert, die seit Schlafbeginn im Wachzustand verbrachte Zeit und die Zahl der Übergänge zwischen Schlafen und Wachen pro Stunde Schlaf. Allerdings entzieht sich jedes dieser Kriterien der direkten Selbstbeurteilung. Es können also keine subjektiven Angaben dazu gemacht werden.

          Welchen Einfluss hat die primäre Insomnie auf die körperliche und psychische Gesundheit der Betroffenen? Dieser Frage ist Riemann in seinem Beitrag nachgegangen. "Für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht und das metabolische Syndrom ist die Datenlage offen, für die Depression ist sie eindeutig", sagt der Psychologe im Gespräch. Eine Metaanalyse von siebzehn epidemiologischen Studien habe ergeben, dass das Risiko für Menschen mit primärer Insomnie, später eine Depression zu entwickeln, doppelt so hoch sei wie für Menschen ohne Insomnie. Es gebe zwar auch Studien, die zeigen, dass eine primäre Insomnie zu einer Erhöhung der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der kardiovaskulären Sterblichkeit führe, allerdings seien diese Befunde in anderen Studien nicht eindeutig bestätigt worden, so Riemann. Ähnliches gelte auch für die metabolischen Erkrankungen. Einige Studien würden zwar belegen, dass eine kurze Schlafdauer auf lange Sicht zur Entwicklung eines metabolischen Syndroms beitragen könne, daraus aber abzuleiten, dass dies auch für die subjektiv beeinträchtigte Schlafqualität gelte, sei derzeit nicht möglich, schreibt der Psychologe im Bundesgesundheitsblatt.

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