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Säureblocker für den Magen : Nicht alle Spei-Babys brauchen Medikamente

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Große Unsicherheit

Für Klaus-Michael Keller vom Fachbereich Kinder- und Jugendmedizin an der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden zeugt der inflationäre Einsatz von Säureblockern nicht zuletzt von großer Unsicherheit angesichts der oft wenig spezifischen Beschwerden: „Einerseits hat längst nicht jedes Spuck-Schrei-Kind einen krankhaften Reflux. Andererseits kann man auch nicht jedes dieser Kinder einer 24-Stunden-Säuremessung und einer Endoskopie unterwerfen, um die Diagnose zu sichern“, beschreibt der Spezialist für Magen-Darm-Erkrankungen im Kindesalter das Dilemma. Allerdings, so hält er fest, ist es wenig zweckmäßig, PPI dann einfach mal versuchsweise zu geben – eine jüngst veröffentlichte Leitlinie zum Reflux sieht das auch ausdrücklich nicht als probates Mittel an. Denn gerade weil diese Säureblocker so selten helfen, ziehen sie immer häufiger die nächste falsche Entscheidung nach sich. Und die besteht darin, das Problem mit einer Operation anzugehen, um den Übergang der Speiseröhre in den Magen künstlich zu verengen: „Diese Fundoplikatio-Operation ist inzwischen in den Vereinigten Staaten die dritthäufigste Operation im Kindesalter, Tendenz steigend“, mahnt Keller. Da die Symptomatik jedoch oft nicht durch einen krankhaften Reflux bedingt ist, ist die Operation ebenso sinnlos wie die Säureblockade. Sie kann noch dazu ihrerseits erhebliche Komplikationen nach sich ziehen, darunter eine vernarbte und verengte Speiseröhre oder empfindliche Störungen der Magenbeweglichkeit.

Mitunter helfe es, so Keller, den Speise- oder Trinkplan der Kinder genauer unter die Lupe zu nehmen und zu revidieren. Vor allem die grenzenlose Überladung der Kinder mit süßen Säften, Süßigkeiten oder mitunter sogar zu viel Obst plus Wasser oder Tee im Übermaß dazu fördere den Reflux. Apfelsaft oder Multivitaminsäfte gelten zwar als „sooooo gesund“, weiß der Kinderarzt, allerdings erhöhen sie bei Kindern, die Fruktose nicht absorbieren können, durch Gärgase den Druck im Darm und überlasten so die Verschlussmechanismen. Nicht zuletzt kann eine Verstopfung einen Reflux begünstigen, denn der Darm blockiert über die „gastro-kolische Bremse“, über eine Art Feedback an den oberen Verdauungstrakt, die Nahrungsaufnahme: Die Kinder fühlen sich rasch übervoll und spucken dann eher.

Man solle zudem nicht nur an die Vielzahl organisch erklärbarer Ursachen denken, sondern sich vor allem die Fütterungssituation als solche genau anschauen: „Hektik beim Füttern, keine Zeit zum Verdauen und vielleicht noch eine falsche Vorstellung davon, wie viel ein Kleinkind essen müsse“, nennt Keller als häufig übersehene Gründe dafür, dass Kinder nach der Mahlzeit schreien und spucken. Seine Kollegen geben ihm Recht. Immer mehr wissenschaftliche Publikationen rufen dazu auf, das Fütterungsverhalten der Bezugsperson mindestens ebenso kritisch unter die Lupe zu nehmen wie den Magen-Darm-Trakt der Kinder.

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