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Rückenschmerzen : Kind, sitz doch mal grade …

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Mehr Gummitwist wäre auch eine Lösung. Bild: Reuters

Ein Gespräch mit dem Orthopäden Fritz Uwe Niethard über frühe Rückenprobleme

          4 Min.

          Herr Niethard, Rückenschmerzen sind nicht nur ein Problem von Erwachsenen, zwei Drittel der Kinder leiden laut aktuellen Schätzungen ebenso darunter. Wie kann das sein?

          Viele der Heranwachsenden verbringen heute mehr als den halben Tag im Sitzen: Erst sechs Stunden in der Schule, dann spielen sie am Computer, danach noch zwei Stunden vorm Fernseher. Die Rücken- und Bauchmuskulatur vieler Kinder ist deshalb zu schwach entwickelt und untrainiert. Dadurch ist die Wirbelsäule schlecht stabilisiert und stößt schnell an ihre Grenzen, wenn sie belastet wird - die Kinder haben Schmerzen.

          Traten solche Probleme früher seltener auf?

          Fritz Uwe Niethard war Ärztlicher Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik der RWTH Aachen und gilt als einer der führenden Kinderorthopäden Deutschlands.
          Fritz Uwe Niethard war Ärztlicher Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik der RWTH Aachen und gilt als einer der führenden Kinderorthopäden Deutschlands. : Bild: DGOU

          Um die Jahrtausendwende lag die Quote noch bei unter zehn Prozent. Wir konnten die Veränderung bei Grundschülern in Aachen beobachten: Innerhalb von 15 Jahren hatte sich die Zahl der Kinder mit Rückenschmerzen verdoppelt. Ähnlich verhält es sich mit Haltungsschwäche und Fehlhaltung, auch davon ist heutzutage jedes dritte bis vierte Kind betroffen.

          Warum spielen die Muskeln eine so entscheidende Rolle?

          Im Prinzip ist die menschliche Wirbelsäule mit einem Segelmast vergleichbar, der von zwei Seiten in Position gehalten wird: vorne von den Bauchmuskeln und hinten von der Haltemuskulatur des Rückens. Die Bänder an der Wirbelsäule dienen eigentlich nur dazu, Extrembewegungen aufzufangen. Werden die Bauch- oder die tiefen Rückenmuskeln zu sehr belastet, können sie das Gewicht des Körpers irgendwann nicht mehr halten. Der Mast gerät also aus dem Gleichgewicht - die Wirbelsäule fällt in sich zusammen. Die übrigen Muskeln, die weniger Ausdauerkraft besitzen und mehr für die Bewegungen zuständig sind, können das oft nicht ausgleichen. Weil ihr Trainingszustand ebenso unzureichend ist.

          Wie zeigt sich eine Überbelastung?

          Besonders zu langes Sitzen stellt für die Wirbelsäule eine Herausforderung dar. Oft ist die Haltemuskulatur deshalb schon sehr stark ermüdet, wenn das Kind aus der Schule kommt. Wird der Rücken dann noch weiter gefordert, zum Beispiel durch schwere Lasten oder noch weitere Stunden auf Stuhl oder Sessel, treten Rückenschmerzen auf.

          Die Bandscheiben scheinen bei den Kindern in Ordnung zu sein. Was verursacht dann ihre Beschwerden?

          Man muss sich diese Schmerzen als eine Art chronischen Muskelkater vorstellen. Hinzu kommt, dass die Fehlhaltung die Wirbelgelenke gleichzeitig in eine Extremposition bringt. Und das zerrt wiederum an den schmerzempfindlichen Bändern und belastet die Kapsel und andere Gelenkstrukturen.

          Wenn ein Siebenjähriger schon Rückenschmerzen hat: Wie stehen seine Aussichten, dass er mit vierzig unter ähnlichen Symptomen leidet?

          Er wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch später mit chronischen Rückenproblemen zu kämpfen haben. Wem es schon als Kind an Bewegung und Muskulatur mangelt, bei dem wird sich in der Regel im Erwachsenenalter wenig daran ändern. Das zeigen wissenschaftliche Studien. Das heißt aber nicht, dass Kinder mit einem Haltungsproblem später mehr zu Bandscheibenproblemen neigen. Ein solcher Zusammenhang lässt sich nicht nachweisen.

          Eine gewisse Fehlhaltung, zum Beispiel das typische Hohlkreuz eines Säuglings, scheint allerdings in jungen Jahren normal zu sein.

          Das stimmt. Die Wirbelsäule und das Becken müssen sich in diesem Alter erst einmal an den aufrechten Gang anpassen. Es gibt allerdings auch Kinder, die diesen Prozess nie bewältigen und diese Fehlhaltung nicht ausgleichen. Früher dachte man, dies sei vor allem eine Folge einer zu starken Belastung in der Jugend, daher der Name Lehrlingsbuckel. Inzwischen wissen wir, es fängt viel früher an: Die Kinder hinken von Anfang an in ihrer motorischen Entwicklung hinterher und bilden ihr Nervensystem und ihre Muskulatur deshalb nie ausreichend aus.

          Nimmt das ebenfalls zu?

          Wenn Sie bei der Einschulungs-Untersuchung Kinder über einen Schwebebalken balancieren lassen, fällt mehr als die Hälfte herunter. Das war einmal anders. Viele motorische Fähigkeiten, die früher ganz selbstverständlich beherrscht wurden, werden heute im Alltag zu wenig geschult. Je früher man damit anfängt, diese Rückstände durch Training aufzuholen, desto besser.

          Wann sollte ich mir über das Hohlkreuz meines Kindes Gedanken machen, weil es nicht verschwindet?

          Vor dem achten Lebensjahr gibt es keinen Anlass, aus diesem Grund einen Arzt aufzusuchen. Die Wirbelsäule ist bis dahin nicht reif genug, deshalb kann kein Mediziner beurteilen, ob sie sich vielleicht doch noch normal entwickelt; viele Probleme verschwinden auch wieder. Der Arzt könnte höchstens motorische Defizite erkennen. Erheblich wichtiger ist, dass sich ein Kind viel bewegt und ausreichend kräftige und ausdauernde Muskeln besitzt.

          Wenn ein Kind selbst in der Lage ist, den Rücken durchzustrecken und gerade zu sitzen, ist ein Haltungsschaden zumindest reversibel, richtig?

          Ja, dennoch gilt: Gerade weil die Zukunft der Kinder so schlecht zu beurteilen ist, ist die Prävention durch Sport und Spiel für alle wichtig, egal ob jemand Haltungsprobleme hat oder nicht.

          Es gibt noch diverse weitere Störungsbilder: Flachrücken, Rundrücken oder eine Seitverkrümmung der Wirbelsäule, Skoliose genannt …

          Diese Probleme treten in der Regel erst später auf, im Verlauf der Pubertät. In dieser Phase wächst die Wirbelsäule besonders schnell und reagiert daher besonders empfindlich auf schädliche Einflüsse. Das gilt für die Anforderungen im Leistungssport, gerade bei Turnern können dann Bandscheiben und Wirbelkörper in ihrem Wachstum gestört sein, unter Orthopäden bekannt als Morbus Scheuermann. In dessen Folge kann ein ausgeprägter Rundrücken entstehen, manchmal sogar ein leichter Buckel. Andere Haltungsschäden sind bei einer entsprechenden Therapie meist reversibel.

          Eltern kritisieren oft die schlechte Sitzhaltung ihrer Kinder etwa beim Essen - aus gutem Grund?

          Zumindest sollte man es nicht ignorieren, aber ein Haltungsfehler ist das noch nicht. Selbst ein Top-Sportler sackt irgendwann auf dem Stuhl in sich zusammen, wenn seine Rückenmuskeln erschöpft sind, dasselbe kann hier bei den Kindern der Fall sein. Statt Sohn oder Tochter zum Geradesitzen zu ermahnen, können Sie mit Gegenmaßnahmen helfen: ihnen zum Beispiel einen besseren Stuhl geben, an dem sie ihren Rücken stützen können. Oder sie kurz aufstehen lassen, damit sie sich bewegen. Noch besser: Dafür sorgen, dass ihre Muskulatur kräftiger wird.

          Welche Methoden sind geeignet?

          Wie sich Kinder bewegen und welchen Sport sie treiben, ist eigentlich egal: Fußball, Leichtathletik, Schwimmen - Hauptsache, es macht ihnen Spaß und sie bleiben dabei. Auch die Straßenspiele von einst, Seilspringen, Gummitwist oder das Hüpfspiel „Himmel und Hölle“, waren für den Rücken sehr gesund, und die Kinder saßen weniger herum.

          Über Schulranzen wird immer wieder diskutiert, worauf ist zu achten?

          Zwei Dinge sind von Bedeutung, zuerst das Gewicht: Eine gefüllte Schultasche sollte nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts wiegen, vor allem wenn das Kind lange mit ihr unterwegs ist. Außerdem muss der Ranzen gut befestigt sein, denn eine am Körper herumschleudernde Tasche kann ein Kind in unvorhergesehenen Situationen aus dem Gleichgewicht und dadurch in Gefahr bringen. Natürlich ist ein einseitiges Tragen ebenfalls nicht empfehlenswert.

          Wäre nicht auch die Politik gefordert? Schulen hätten doch Möglichkeiten, den Kindern zu mehr Sport und Bewegung zu verhelfen …

          … und nutzen sie im Gegensatz zu anderen Ländern viel zu wenig. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie fordern seit Jahren, dass in Ganztagsschulen mehr Gelegenheiten für Sport und Spiel eingeräumt werden. Leider bewegt sich da gar nichts.

          Die Fragen stellte Michael Brendler.

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