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Rückenschmerzen : Kind, sitz doch mal grade …

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Wenn Sie bei der Einschulungs-Untersuchung Kinder über einen Schwebebalken balancieren lassen, fällt mehr als die Hälfte herunter. Das war einmal anders. Viele motorische Fähigkeiten, die früher ganz selbstverständlich beherrscht wurden, werden heute im Alltag zu wenig geschult. Je früher man damit anfängt, diese Rückstände durch Training aufzuholen, desto besser.

Wann sollte ich mir über das Hohlkreuz meines Kindes Gedanken machen, weil es nicht verschwindet?

Vor dem achten Lebensjahr gibt es keinen Anlass, aus diesem Grund einen Arzt aufzusuchen. Die Wirbelsäule ist bis dahin nicht reif genug, deshalb kann kein Mediziner beurteilen, ob sie sich vielleicht doch noch normal entwickelt; viele Probleme verschwinden auch wieder. Der Arzt könnte höchstens motorische Defizite erkennen. Erheblich wichtiger ist, dass sich ein Kind viel bewegt und ausreichend kräftige und ausdauernde Muskeln besitzt.

Wenn ein Kind selbst in der Lage ist, den Rücken durchzustrecken und gerade zu sitzen, ist ein Haltungsschaden zumindest reversibel, richtig?

Ja, dennoch gilt: Gerade weil die Zukunft der Kinder so schlecht zu beurteilen ist, ist die Prävention durch Sport und Spiel für alle wichtig, egal ob jemand Haltungsprobleme hat oder nicht.

Es gibt noch diverse weitere Störungsbilder: Flachrücken, Rundrücken oder eine Seitverkrümmung der Wirbelsäule, Skoliose genannt …

Diese Probleme treten in der Regel erst später auf, im Verlauf der Pubertät. In dieser Phase wächst die Wirbelsäule besonders schnell und reagiert daher besonders empfindlich auf schädliche Einflüsse. Das gilt für die Anforderungen im Leistungssport, gerade bei Turnern können dann Bandscheiben und Wirbelkörper in ihrem Wachstum gestört sein, unter Orthopäden bekannt als Morbus Scheuermann. In dessen Folge kann ein ausgeprägter Rundrücken entstehen, manchmal sogar ein leichter Buckel. Andere Haltungsschäden sind bei einer entsprechenden Therapie meist reversibel.

Eltern kritisieren oft die schlechte Sitzhaltung ihrer Kinder etwa beim Essen - aus gutem Grund?

Zumindest sollte man es nicht ignorieren, aber ein Haltungsfehler ist das noch nicht. Selbst ein Top-Sportler sackt irgendwann auf dem Stuhl in sich zusammen, wenn seine Rückenmuskeln erschöpft sind, dasselbe kann hier bei den Kindern der Fall sein. Statt Sohn oder Tochter zum Geradesitzen zu ermahnen, können Sie mit Gegenmaßnahmen helfen: ihnen zum Beispiel einen besseren Stuhl geben, an dem sie ihren Rücken stützen können. Oder sie kurz aufstehen lassen, damit sie sich bewegen. Noch besser: Dafür sorgen, dass ihre Muskulatur kräftiger wird.

Welche Methoden sind geeignet?

Wie sich Kinder bewegen und welchen Sport sie treiben, ist eigentlich egal: Fußball, Leichtathletik, Schwimmen - Hauptsache, es macht ihnen Spaß und sie bleiben dabei. Auch die Straßenspiele von einst, Seilspringen, Gummitwist oder das Hüpfspiel „Himmel und Hölle“, waren für den Rücken sehr gesund, und die Kinder saßen weniger herum.

Über Schulranzen wird immer wieder diskutiert, worauf ist zu achten?

Zwei Dinge sind von Bedeutung, zuerst das Gewicht: Eine gefüllte Schultasche sollte nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts wiegen, vor allem wenn das Kind lange mit ihr unterwegs ist. Außerdem muss der Ranzen gut befestigt sein, denn eine am Körper herumschleudernde Tasche kann ein Kind in unvorhergesehenen Situationen aus dem Gleichgewicht und dadurch in Gefahr bringen. Natürlich ist ein einseitiges Tragen ebenfalls nicht empfehlenswert.

Wäre nicht auch die Politik gefordert? Schulen hätten doch Möglichkeiten, den Kindern zu mehr Sport und Bewegung zu verhelfen …

… und nutzen sie im Gegensatz zu anderen Ländern viel zu wenig. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie fordern seit Jahren, dass in Ganztagsschulen mehr Gelegenheiten für Sport und Spiel eingeräumt werden. Leider bewegt sich da gar nichts.

Die Fragen stellte Michael Brendler.

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