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RNA-Interferenz : Einfach stillgelegt

  • -Aktualisiert am

Modell eines DNA-Strangs in einem menschlichen Chromosom Bild: dpa

Die Technik der RNA-Interferenz birgt für die Medizin große Möglichkeiten. Deutsche Forscher erkannten das früh. Doch jetzt stoppen Wirtschaftsstrategien die Umsetzung der Idee.

          4 Min.

          Am Anfang existieren oft nur ein paar Labordaten und eine kühne Idee. Am Ende soll ein Patient im besten Fall eine Pille schlucken können oder eine Spritze erhalten, die seine Krankheit lindert oder gar heilt. Auf dem Weg dorthin entstehen Karrieren wie die von Roland Kreutzer - erst Forscher, dann Firmengründer, Beinahepleitier, Fusionspartner und Übernahme-Spielball. Nun steht er vor dem Aus.

          Der Pharmakonzern Roche, dessen Kulmbacher Forschungszentrum Kreutzer zuletzt leitete, hat vergangene Woche Sparmaßnahmen und den Abbau von rund 4800 Arbeitsplätzen weltweit beschlossen. Der Vorstandsvorsitzende Severin Schwan gab für Deutschland zwar Entwarnung, und meist erwähnten Zeitungsberichte nur mit einem Satz das Ende der RNA-Technologie. Doch mit seinem Beschluss stellt Roche auch die Erforschung jenes neuartigen Therapiekonzepts ein, das 2006 mit dem Medizin-Nobelpreis gekürt wurde und das den Forscher Kreutzer zum Unternehmer werden ließ.

          Es begann 1998 am Stehimbiss vor der Universität Bayreuth. Aufgeregt las Kreutzers Forscherkollege Stefan Limmer in der Mittagspause einen Nature-Artikel, in dem die späteren Nobelpreisträger Andrew Fire und Craig Mello die Entdeckung der sogenannten RNA-Interferenz schilderten. Sie hatten doppelsträngige Moleküle der Ribonukleinsäure (nach ihrer englischen Bezeichnung RNA abgekürzt) in die Zellen von Fadenwürmern geschleust und so die Umwandlung der Geninformation in ein Protein gestoppt: Die dafür zuständige Boten-RNA (mRNA) wurde abgefangen. "Wenn das beim Fadenwurm funktioniert, dann sollte das auch beim Menschen klappen", sagten sich die Molekulargenetiker in Bayreuth. Sie testeten die Technik an menschlichen Zellen und fanden früher als irgendjemand sonst einen Weg, mit kurzen doppelsträngigen RNA-Molekülen jedes beliebige menschliche Gen abzuschalten, also auch schädliche. Manche Krankheiten könnte man dementsprechend stilllegen - die Idee einer völlig neuen Behandlungsstrategie war geboren.

          Mit Startkapital

          Euphorisiert von ihrer Entdeckung, meldeten Limmer und Kreutzer 1999 das weltweit erste Patent auf RNA-Interferenz (RNAi) beim Menschen an und gründeten im Sommer 2000 ihre Biotechfirma Ribopharma in Kulmbach. Dann brach die Internet- und Biotech-Begeisterung an den Aktienmärkten ein: "2001 haben wir bestimmt bei 50 Risikokapital-Gesellschaften vorgesungen", erinnert sich Kreutzer. Aber keiner habe sich getraut, genug Geld in die Hand zu nehmen. Als Kreutzer schon mit dem Schlimmsten rechnete, entstand in Boston die RNAi-Firma Alnylam. Dort hatte man nicht nur wichtige Experten und ein international erfahrenes Management eingeworben, sondern auch 17 Millionen Dollar Startkapital. Die Kulmbacher suchten das Gespräch, und Ende 2002 war die Fusion von Ribopharma und Alnylam beschlossen - auf Augenhöhe, dachten Kreutzer und Limmer anfangs. Die Amerikaner hatten aber vor allem zwei Motive. Zum einen kamen sie so an die frühen Patente von Kreutzer und Limmer heran, und zum anderen hatte die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sie dazu gezwungen.

          "Wenn es nach Alnylam gegangen wäre, hätte es die Fusion nie gegeben", sagt Peter Gruss. Der MPG-Präsident hatte es aber zur Bedingung gemacht, eine RNAi-Firma in Deutschland mindestens bis Ende 2007 zu unterhalten, wenn die Amerikaner die Patente exklusiv nutzen wollten, die der Biochemiker Thomas Tuschl 2002 am Göttinger Max-Planck-Institut unabhängig von Kreutzer und Limmer erarbeitet hatte. Alnylam schluckte die Kulmbacher Kröte. Und damit war die "in großen Teilen deutsche Entwicklung", das weiß Alnylam-Chef John Maraganore, in amerikanischer Hand.

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