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Risiko Fleisch : Jetzt geht es um die Wurst

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Sind die Viren Übeltäter?

„Das passt alles nicht zusammen“, sagt zur Hausen, ehemals Vorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. Gefährliche PAKs, HAAs und Nitrosamine entständen nicht nur bei der Zubereitung von rotem Fleisch, sondern auch beim Braten und Rösten von Huhn und Fisch – beide Fleischarten nimmt die WHO jedoch ausdrücklich von ihrer Warnung aus. Einen Zusammenhang zwischen Darmkrebs und Fleischkonsum sieht zur Hausen eigentlich nur beim Verzehr von Rind und weniger bei Schaf, Ziege oder Schwein.

Der Nobelpreis wurde Harald zur Hausen 2008 für die Entdeckung verliehen, dass Papilloma-Viren zur Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beitragen. Auch beim Darmkrebs sieht der 79-Jährige nun wieder Keime am Werk – eine Theorie, die womöglich auch das erhöhte Krebsrisiko unter Metzgern erklären würde. „Wir vermuten, dass über Fleisch und eventuell sogar über Milchprodukte potentielle Viren oder andere Erreger aus dem Rind auf den Menschen übertragen werden“, sagt zur Hausen. Wirklich bemerkbar, so erklärte er es kürzlich im „International Journal of Cancer“, machen sie sich erst Jahre bis Jahrzehnte später, wenn im Darm bereits die ersten Tumore wachsen. Zur Hausen vermutet außerdem, dass weitere Kofaktoren hinzukommen müssen, wie es bei anderen krebserzeugenden Keimen der Fall ist. Beim Papillomvirus ist es Zigarettenrauch, beim noch unbekannten Erreger im Darm könnten es die beim Braten produzierten Zellgifte sein.

Was nicht ganz zu dieser Theorie passen will: Warum scheint rohes Fleisch, in dem die Erreger keinen Bratvorgang überstehen müssen, in Sachen Krebs die sicherere Alternative zu sein? Müssten die Keime nicht eher beim Brühen oder Braten von Würsten abgetötet werden? Der Nobelpreisträger hat auch dafür eine Erklärung: „Wir kennen viele Viren, die mit solchen Temperaturen gut zurechtkommen.“

Inzwischen hat zur Hausens Arbeitsgruppe am DKFZ sogar erste Spuren des möglichen Erregers entdeckt. Im Blut von 130 Rindern und in Milchpräparaten aus Supermärkten fanden sich Erbgut-Spuren von 24 bislang unbekannten Viren. „Wir haben im Labor auch zeigen können, dass diese zirkulären DNA-Stränge in menschlichen Zellen überdauern und sogar aktiviert werden können“, sagt zur Hausen.

Es fehlt das letzte Puzzleteil

Er wäre nicht der Erste, der einen Krebserreger auf Grund von epidemiologischen Mustern, also Auffälligkeiten bei der geographischen Verteilung von Krebsraten entdeckt. Auch der britische Chirurg Denis Burkitt entlarvte in den 1960er Jahren das Epstein-Barr-Virus als Auslöser des nach ihm benannten Lymphdrüsenkrebses, weil er sich über das häufige Auftauchen des Tumors in bestimmten Klimazonen wunderte.

Der Frankfurter Darmkrebsforscher Florian Greten bleibt dennoch zurückhaltend: „Die epidemiologischen Auffälligkeiten sind da, das ist unbestreitbar, aber sie ließen sich auch durch andere Einflüsse als einen neuen Erreger erklären. Zum Beispiel durch Veränderungen der mikrobiellen Darmflora.“ Solange das Tumorvirus nicht eindeutig identifiziert und der Zusammenhang zwischen Keim und Krebs nicht belegt sei, bleibe auch die Theorie des Nobelpreisträgers nur eine Hypothese.

Genau eines dieser fehlenden Puzzleteile, den Nachweis der krebsauslösenden Kräfte der Kandidaten, will man nun in Heidelberg suchen. Würde sich das irgendwann bestätigen, könnte man theoretisch auch die Metzger besser schützen. Denn mit der Verzehrempfehlung der WHO ist ihnen zumindest eher nicht geholfen.

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