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Risiko Cannabis : Der Lockruf der „weichen“ Droge

Christoph war wie viele Cannabis-Konsumenten lange im Apathiesyndrom gefangen, eine verzweifelte Antriebslosigkeit, die wie viele Gesundheitsgefahren oft als Randerscheinung abgetan wird. Der Heidelberger Psychiater Rainer Holm-Hadulla sieht die Opfer solche „tendenziösen Verharmlosungen“ immer wieder in seiner Praxis. Vor allem junge Menschen. „Für 55 Prozent ist Cannabis die Primärdroge, das wird im Amy-Winehouse-Film eindrucksvoll dokumentiert.“ Dann aber steigen viele um, auf Amphetamine etwa, womit sie ihre Motivationslosigkeit selbst zu „therapieren“ versuchen. Neurobiologisch sei das nachvollziehbar, sagt Holm-Hadulla, doch „bei Mischkonsum potenzieren sich die Schäden.“

Chemie pur: Der  Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol ist in den heutigen Zuchtsorten in zehn- bis zwanzigfacher Konzentration enthalten - und entsprechend gefährlicher.

Der Münsteraner Toxikologe Thomas Schupp zählt ein gutes Dutzend solcher Langzeitschäden auf, die - anders als die unterstellte Harmlosigkeit von „normalem“ Konsum - sicher nachgewiesen sind: erhöhte Allergieneigung, geschwächte Immunzellen, Geruchseinbußen, Hormonstörungen und mindere Spermienqualität, vor allem aber: die Beeinträchtigung des Gehirns bei jungen Menschen. Die heutzutage oft um zehn- bis zwanzigfach erhöhte Konzentration des Cannabis-Wirktoff Tetrahydrocannabinol verschlimmert die Situation zusätzlich. Im renommierten „JAMA“-Journal wurden kürzlich in einer 25-Jahres-Studie mit 3500 Langzeitkonsumenten die Einbußen des Wortgesdächtnisses amerikanischer Marihuana-Konsumenten dokumentiert. Im „New England Journal of Medicine“ wurde vergangenes Jahr gezeigt: Das Risiko von Psychosen und Schizophrenie verdoppelt sich durch länger andauernden Konsum. Hirnschäden und Schrumpfungen in der Amygdala, dem Hippocampus als Gedächtniszentrum sowie in der weißen Substanz gehen mit Störungen des Gefühlslebens, des Erinnerns, Erkennens und des Lernens einher, mahnt Holm-Hadulla. Für Cannabisabhängige, wozu mindestens die Hälfte der wöchentlichen Konsumenten zählen, ist die Gefahr von Angststörungen um bis zu sechsfach erhöht. „Man kann sich nicht totkiffen“, schreibt Schupp, aber man häuft gewaltige Risiken für sich und - wegen der Unfallgefahren - auch für andere an. Viele sind noch unbekannt. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie warnte jüngst: Die Folgen für die Lungen seien nicht einmal ansatzweise untersucht.

Von einer „Drogenmündigkeit“, wie sie von den Strafrechtsexperten im Petitionsantrag als Ziel eines „maßvollen, aufgeklärten Umgangs“ ausgegeben wird, ist man in der Medizin ebenso wie in Familien und den Staatsapparaten noch weit entfernt. Wie sagte der Drogenberater in Münster zur Mutter, als er Christophs Wahnvorstellungen kommentierte: „Ihr Sohn hat eine Drogenpsychose“, erinnert sich Antonia Hillejan, „aber machen Sie sich keine Sorgen, das geht wieder weg.“ Wenig später fand man Christoph tot in seinem Studierzimmer.

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