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Reizdarmsyndrom : Eine Krankheit - viele Erklärungen

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Koloriertes Rötgenbild eines Patienten mit Reizdarmsyndrom: Einzelne Darmabschnitte sind durch Spasmen verengt Bild: 60045366 © SOVEREIGN /ISM/ Agen

„Reizdarmsyndrom“ ist ein Begriff für ein schweres Krankheitsbild, dessen Ursache noch nicht vollständig geklärt ist. In die „Psychoecke“ stellt man die Betroffenen aber heute nicht mehr.

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          Starke Durchfälle, schmerzhafte Blähungen und Unterleibskrämpfe: solche Beschwerden können so belastend sein, dass sich die Betroffenen kaum noch aus dem Haus wagen. Liegt den Symptomen keine anderweitige Krankheit zugrunde, erhalten sie meist das Etikett „Reizdarmsyndrom“. Eher vage, umfasst dieser Begriff unterschiedliche Störungen, deren Wurzeln noch weitgehend im Verborgenen liegen. Schätzungen zufolge dürften in den Industrieländern rund zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung daran leiden. „Bei dreißig bis vierzig Prozent der Betroffenen geht die Störung mit Durchfällen einher, bei einem vergleichbar hohen Anteil mit Verstopfung und bei den Übrigen mit beidem“, sagt der Gastroenterologe Peter Layer vom Israelitischen Krankenhaus in Hamburg, der federführende Autor der einschlägigen medizinischen Leitlinien.

          In Forscherkreisen stößt das Reizdarmsyndrom inzwischen auf steigendes Interesse. Denn wie aus einer wachsenden Zahl von Untersuchungen hervorgeht, handelt es sich dabei nicht etwa um eine hypochondrische Befindlichkeitsstörung, wie früher gemeinhin angenommen, sondern um ein organisches Leiden. „Sicherlich, mitunter sind die Beschwerden auch psychosomatischer Natur“, sagt Layer. Bei der Mehrzahl der Betroffenen sei dies aber nicht der Fall. Dass diese dennoch oftmals in die „Psychoecke“ gestellt werden, hat einen wesentlichen Grund: Bis jetzt lässt sich das Reizdarmsyndrom noch nicht sicher nachweisen. Es gibt allerdings aussichtsreiche diagnostische Ansätze. Hierzu zählt eine Charakterisierung der im Darm wohnenden Bakterien. Es bestehen auffallende Unterschiede zwischen der Darmflora von Gesunden und jener von Reizdarm-Patienten. Solche mikrobiellen „Fingerabdrücke“ könnten sich dazu eignen, das Reizdarmsyndrom zuverlässiger als bis jetzt möglich zu diagnostizieren. Hierfür sprechen die Ergebnisse einer Untersuchung von Wissenschaftlern aus Skandinavien und der Schweiz („Alimentary Pharmacology and Therapeutics“, doi:10.1111/apt.13236). Bislang basiert die Diagnose auf eher schwammigen Parametern, und zwar den Beschwerden des Patienten einerseits und der Abwesenheit sonstiger Erklärungsmöglichkeiten andererseits.

          Fortschritte in der Forschung

          Was die Entstehungsursachen eines Reizdarmsyndroms angeht, konnten in den letzten Jahren merkliche Fortschritte erzielt werden. Nach wie vor unklar ist gleichwohl, welche Rolle die Ernährung dabei spielt, ja ob sie überhaupt von Bedeutung ist. Zwar wird sie vielfach als die treibende Kraft dargestellt, doch gibt es für solche Behauptungen keinerlei Belege. Angesichts des enormen Leidensdrucks der Betroffenen sind einschlägige Kuren und Beratungen freilich ein ausgesprochen lukratives Geschäft. Wenig Zweifel bestehen andererseits daran, dass bestimmte Lebensmittel die Beschwerden zum Teil nachhaltig verstärken. „Welche dies im Einzelfall sind, lässt sich aber oft nur schwer ermitteln“, räumt Layer ein. Manchen Betroffenen komme der Verzicht auf Speisen, die zu einer starken Gasbildung im Darm führen, jedoch sehr zugute. Solche Wirkungen besitzen viele kurzkettige Kohlehydrate und Zuckeralkohole, darunter Fruchtzucker (Fruktose), Milchzucker (Laktose) und Zuckeraustauschstoffe wie Mannit und Sorbit. Zusammengefasst unter dem Begriff Fodmap - die Abkürzung steht für Fermentierbare Oligosaccharide (Mehrfachzucker), Disaccharide (Zweifachzucker) und Monosaccharide (Einfachzucker) sowie Polyole (Zuckeralkohole) -, sind solche gasfördernden Kohlehydrate und Zuckeralkohole in etlichen Lebensmitteln enthalten. In größeren Mengen verzehrt, erzeugen Fodmap-reiche Lebensmittel freilich auch bei Gesunden teilweise starke Blähungen. Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom ruft die hierdurch bedingte Dehnung der Darmwand jedoch sehr viel stärkere Schmerzen hervor.

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