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E-Zigarette : Rauchendes Elend

Bild: dpa

Eine EU-Umfrage vor dem Weltnichtrauchertag und ein böses Erwachen. Die E-Zigarette ist zerrieben - zwischen Fortschritt und Fluch. Sie boomt, aber ihr Ruf ist schon ruiniert. Durchatmen!

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          Und wieder einmal breitet sich vor unser aller Augen aus, was der Philosoph - Gott hab ihn selig! - Hans-Georg Gadamer in seinem Sammelband über die „Verborgenheit der Gesundheit“ in so geschmeidige Sätze wie diesen packte: „Der Fortschritt der Technik“, klagte Gadamer in seinem Lamento über die durchrationalisierte Welt, „trifft auf eine unvorbereitete Menschheit.“ Sie schwanke zwischen den Extremen eines affekthaften Widerstandes und einem nicht minder affekthaften Drang, alles zu nehmen, was sie kriegen kann.

          Gadamer starb 2002 im biblischen Alter von 102 Jahren. Für ihn waren E-Zigaretten und E-Shishas als Zigarettenersatz noch kein Gesundheitsthema, und was Tabakprodukte an unerträglichem Leid bewirken können, hatte er geflissentlich verdrängt. Worin er sich wohl aber sicher war, ist die Wirkung eines allzu energischen Umgangs mit dem Dogmatismus: dass das Denken wahnhafte Züge annehmen könne, wenn es ausschließlich um das Gesundsein kreisen würde. Insofern wäre Gadamer heute wahrscheinlich ein besonders leidenschaftlicher Kampfrichter in einer medizinischen Arena, in der es seit einiger Zeit heftig qualmt.

          Kampf um die Gesundheitsrisiken

          Gekämpft wird um das Schicksal der Dampfer. So heißen die Leute, die anstelle der traditionellen Glimmstängel die akkugetriebenen Dampfmaschinen mit eingebauter Heizspirale zum Mund führen und einen irren Dampf erzeugen, nachdem das Nikotin und die Aromen durch ihre Lungen geströmt sind. Fest steht: Dampfen ist weniger schädlich als das konventionelle Rauchen, wer umsteigt, konsumiert weniger Giftstoffe. Nur: Wer steigt wirklich um? Tabakraucher sollen ein zwanzigmal so hohes Krankheitsrisiko haben, das hat die Ärztevereinigung der Royal Society überschlagen. Das ändert nichts daran, dass das neue Tabakgesetz beides ziemlich gleich behandelt. Und zwar einfach deshalb, weil E-Zigaretten erstens kein anerkanntes Hilfsmittel zur Tabakentwöhnung sind, wie das Deutsche Krebsforschungszentrum lange schon bemängelt, und weil sie die Tabakprävention untergraben könnten. Fakt ist: Die Zahl der klassischen Raucher geht weiter zurück, die der Dampfer wächst rasant. In der neuen Eurobarometer-Umfrage in 27 Ländern wird festgestellt: Die Zeit, als mit E-Zigaretten experimentiert wurde, sei vorbei. Der Dampfer-Weltmarkt wird inzwischen auf 7,8 Milliarden Euro geschätzt.

          Während also auf der einen Seite die Attraktivität der E-Zigaretten aus welchen Gründen auch immer steigt, geht es mit dem Vertrauen in die Dampfmaschinen kurioserweise stetig bergab. Mehr als die Hälfte der Europäer glaubt nämlich inzwischen, dass der elektronische Glimmstängel ihrer Gesundheit schadet. In nur zwei Jahren hat sich der Anteil der Europäer, die der E-Zigarette misstrauen, verdoppelt - ohne dass eine Empirie der Schädlichkeit diesen Sinneswandel wirklich begründen könnte. Fürwahr: Der Fortschritt trifft uns hart und unvorbereitet.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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