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Psychotherapie als Stigma : Und dann haben Sie eine F-Nummer

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Psychotherapie kann heilen und hilfreich sein. Aber das Stigma, das auf psychischen Krankheiten liegt, schwindet kaum. Bild: MAURO FERMARIELLO/SCIENCE PHOTO

Den Freunden offen von der Psychotherapie erzählen, den Kollegen vom Burnout – das scheint inzwischen Normalität. Sind psychische Krankheiten völlig „entstigmatisiert“? Stigmaforscher sagen: im Gegenteil.

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          Das Vortasten, das Einschätzen, das vorsichtige Fragen – für die Pädagogin, die bald das Rentenalter erreicht hat, gehörten solche Dinge jahrzehntelang zu ihrer Arbeit. Die Frau, die anonym bleiben möchte, arbeitet in einer Beratungsstelle für Eltern verhaltensauffälliger Kinder. Wenn sie heute das Gefühl hat, die Eltern seien möglicherweise selbst psychisch erkrankt, muss sie nicht mehr taktvoll nachforschen wie noch in den neunziger Jahren. „Die Eltern der Kinder offenbaren alles“, sagt sie. „,Ich hab eine Borderline-Störung‘, ,Ich war zwei Jahre in Therapie‘ – das hört man schon in der ersten Sitzung. Neulich sagte ein Mann, dem man ansah, dass er Medikamente nahm: ,Ich habe F20.0‘. Da ich keine Ärztin bin, musste ich sogar nachfragen, was der Diagnoseschlüssel bedeutet.“ Die Antwort kam prompt: „Paranoide Schizophrenie.“ Frauen sprächen heute offen über depressive Phasen in ihrem Leben. „Gerade über das erste Jahr im Job nach der Babypause höre ich oft, dass sie das als extrem belastend empfunden haben. Die Frauen sagen dann rückblickend: ,Ich hatte bestimmt eine Depression.‘“ Aber auch Männer gäben immer häufiger von sich aus zu Protokoll, Depressionen erlebt zu haben. „Dass Männer Depressionen einräumten, gab es früher gar nicht. Und noch vor zwanzig Jahren hätte ich niemals gewagt, danach zu fragen.“ Für die Pädagogin ist klar, welche gesellschaftliche Entwicklung ihren Arbeitsalltag so verändert hat: „Die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten ist in vollem Gange“, bilanziert sie.

          „Entstigmatisierung“ – ein Stichwort, das immer wieder fällt, wenn Zahlen zu psychiatrischen Diagnosen veröffentlicht werden. Die Zahl der Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit etwa, die aufgrund psychischer Störungen bewilligt werden, stieg von 41000 im Jahr 1993 auf 74000 im Jahr 2012. Ruft man bei der Deutschen Rentenversicherung an, um deren Sichtweise in Erfahrung zu bringen, wird man von Büro zu Büro weitergereicht. Irgendwann fallen von einem dieser Schreibtische aus die Sätze: „Die Gewerkschaften sagen ja, es liege an der Arbeitsverdichtung, dass immer mehr Menschen sich zu einer psychiatrischen Diagnose bekennen. Aber seien wir ehrlich: Das hat alles mit der Entstigmatisierung zu tun.“

          Der Kollege erzählt vom Burn-out

          Leben Menschen heute wirklich unbelastet, ohne Scham mit dem Bekenntnis zur eigenen psychischen Labilität? Ist es gar salonfähig geworden, über Gebrechen der Seele und regelmäßige Sitzungen beim Therapeuten zu reden? Einiges spricht dafür: So sieht etwa nicht nur die Rentenversicherung die Sache so. Jeder kennt heute Menschen, die offen über durchlaufene Psychotherapien sprechen. Die langjährige Freundin erzählt irgendwann, dass sie als Teenager regelmäßig zu einem Psychotherapeuten ging, nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten. Die Bekanntschaft aus dem Fitnessstudio berichtet beim Kaffee von ihren Essstörungen. Ein Branchenkollege erzählt in der Pause einer Weiterbildungsveranstaltung, warum er kürzlich den Arbeitgeber wechselte: Einem Burnout folgte eine Kur, jetzt gehe es ihm aber wieder gut.

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