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Psychosomatische Medizin : Statt des Eingriffs

  • -Aktualisiert am

Eine sprechende Medizin nützt allen, sagen DPÄP-Vertreter - Ärzten ebenso wie Patienten Bild: dpa

Soll Psychosomatik Pflicht für alle Fachärzte werden? Ein neuer Verband fordert, das Fach in jede Weiterbildung zu integrieren - von der Augenheilkunde bis zur Orthopädie.

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          An diesem Freitagnachmittag Anfang März über den Dächern von Heidelberg erscheint die Welt der Ärzte und Patienten in Deutschland plötzlich ein bisschen heller und freundlicher. Unter Dachschrägen sitzen hier im Institut für medizinische Psychologie Ärzte unterschiedlicher Fachgebiete zusammen, durch das Fenster dringt das Zwitschern von Sittichen herein, die am Neckar heimisch geworden sind. Die Strategie, die hier vorgestellt wird, soll sich auf alle Fachgebiete anwenden lassen, und sie soll mit dafür sorgen, dass überflüssige Operationen, Korruptionsskandale, unzufriedene Patienten und vom Burn-out bedrohte Ärzte irgendwann eine weitaus geringere Rolle spielen, als es heute noch scheint.

          Es ist das erste Symposion des vor einem Jahr neu gegründeten DPÄP, des „Dachverbands Psychosomatik und Ärztliche Psychotherapie in den somatischen Fachgebieten“. Die Veranstaltung ist ein Satellitensymposion des Kongresses für psychosomatische Medizin. Der DPÄP entstand aus einer Initiative der Vereinigung psychotherapeutisch tätiger Kassenärzte. Warum die Psychosomatik und damit die gleichzeitige Betrachtung körperlicher und psychischer Faktoren von Erkrankungen einen festen Platz in allen Fachgebieten erhalten sollte, erklärten in Heidelberg ein Orthopäde, eine Fachärztin für Augenheilkunde, eine HNO-Ärztin und ein Kinderarzt. „Einen gewissen Aufbruch“, registriert Marcus Schiltenwolf vom Uniklinikum Heidelberg in seinem Gebiet, der Orthopädie, und klingt dabei noch verhalten optimistisch. Der Kinderarzt und Neuropädiater Harald Tegtmeyer-Metzdorf aus Lindau erklärt dagegen in seinem Vortrag, die sogenannten „neuen Morbiditäten“ bei Kindern - darunter chronische Erkrankungen wie Diabetes, bei denen psychische Faktoren eine Rolle spielen, aber auch psychische Erkrankungen - ebneten einer psychosomatisch orientierten Herangehensweise schon länger den Weg in der Kinderheilkunde: „Angesichts solcher Störungsbilder benötigt man als Tool die Gesprächsführung, deshalb öffnet sich der Berufsverband stark für die Psychosomatik.“

          Spontanverläufe zulassen

          Schiltenwolf, der den Fachbereich Schmerztherapie des Departments Orthopädie in Heidelberg leitet, sieht in der Ergänzung seines Faches durch die Psychosomatik eine Lösung für viele Probleme, etwa die eklatante Zunahme von Operationen in Deutschland, die durch nichts zu erklären sei - außer durch die Entgelte, die chirurgische Eingriffe begünstigen. Eine Langzeitstudie zum Knieschmerz habe etwa gezeigt, dass das Krankheitsbild Kniearthrose in der Bevölkerung abgenommen, der Knieschmerz aber um 65 Prozent zugenommen habe. Diese Entwicklung sei darauf zurückzuführen, dass man offenbar somatisch-medizinische Lösungen anbiete, um Ängste - etwa vor dem Älterwerden - zu beruhigen. Schiltenwolf plädiert dafür, in der Orthopädie den Hintergründen von Schmerz nachzugehen und Spontanverläufe zuzulassen.

          Die Augenärztin Gabriele Emmerich aus Darmstadt stellt in Heidelberg primär psychisch bedingte Augenleiden wie Dunkelsehen, Fleckensehen, Juckreiz und Brennen vor. Viele Patienten benötigten die klare Versicherung, dass körperlich keine Augenerkrankung vorliegt. „Häufig werden nur Tropfen verschrieben, dabei bräuchte man Aufklärung.“ Zudem sind gerade wenn die wichtige Fähigkeit des Sehens bedroht ist, reaktive Störungen häufig: Depressionen bei älteren Menschen, die nicht mehr lesen können, und Ängste, weil viele Menschen den Verlust des Jobs befürchten, wenn sie merken, dass ausgerechnet die Augen erkrankt sind.

          „Gewisse Öffnung“

          Astrid Marek von der Ruhr-Universität Bochum, die Leiterin der bislang einzigen deutschen Abteilung für Psychosomatik in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, verdeutlicht die Wichtigkeit psychosomatischer Fragestellungen am Beispiel des Tinnitus, eines Phantom-Tons im Ohr. Marek nutzt die kognitive Verhaltenstherapie, um die psychische Belastung durch Tinnitus zu reduzieren. Auch Marek spricht von einer „gewissen Öffnung“ ihres Fachgebietes, der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, zur Psychosomatik. Dennoch ist die Einrichtung in Bochum noch die einzige ihrer Art in Deutschland. Und Heidelberg ist die einzige Universität, an der Assistenzärzte in der Orthopädie mit psychosomatischer Medizin konfrontiert werden - Marcus Schiltenwolf sorgt dafür, dass sie sich damit befassen, wenn sie in seiner Abteilung arbeiten.

          Das Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ in die Weiterbildungen aller Fachgebiete verpflichtend aufzunehmen, ist eine der Kernforderungen des neuen DPÄP. Bislang ist die Psychosomatik nur Bestandteil der Assistenzzeit in der Gynäkologie und der Allgemeinmedizin. Die DPÄP-Versammlung war sich einig, dass die psychosomatische Medizin nicht nur den Patienten nütze, sondern auch Ärzten nach vielen Berufsjahren die Möglichkeit biete, einen neuen Behandlungsbereich zu finden. Das könne oftmals entscheidend für die langfristige Berufsmotivation sein.

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