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Psychosomatik : Ist Bindung der Schlüssel?

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Bild: dpa

Die Rolle von instabilen Beziehungen in der Kindheit wird in der psychosomatischen Medizin zunehmend erforscht. Neue Studien versprechen etwa bei dem verbreiteten Schmerzsyndrom Fibromyalgie Hoffnung.

          Zum Mainstream, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch in seiner Eröffnungsrede im Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität München, gehöre die bindungsorientierte Herangehensweise in den deutschen Kliniken für Psychosomatik und für Psychiatrie noch lange nicht. Aber immerhin hat das Thema Bindung vor etwas mehr als einem Jahrzehnt den Sprung von der Grundlagenforschung in die Klinik geschafft. Wie bedeutsam es in einzelnen Bereichen schon geworden ist, wurde jetzt in den Vorträgen des internationalen Kongresses „Bindung und Psychosomatik“ in München deutlich. Welchem Bindungstyp ein Patient angehört und was er in seinem Leben für Erfahrungen mit Bindung machen konnte: Für eine wachsende Zahl von Ärzten und Psychotherapeuten – und für deren wissenschaftliche Arbeiten – sind diese Fragen entscheidend geworden. Denn man stellt inzwischen einen Zusammenhang mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern – von der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS über Asthma bis hin zu Schmerzsyndromen – her. In manchen Fällen könnte der Erfolg der neuen Herangehensweisen einer bemerkenswert großen Zahl von Patienten Hoffnung geben.

          Ulrich Egle etwa, der ärztliche Direktor der psychosomatischen Celenus-Fachklinik in Gengenbach, berichtete in München über die Chancen, die ein bindungsorientierter therapeutischer Ansatz bei Fibromyalgie bietet, einem Schmerzsyndrom, das zwischen zwei und vier Prozent der Bevölkerung betrifft, neunzig Prozent der Patienten sind Frauen. „Die Debatte über Fibromyalgie hat sich in den vergangenen zehn Jahren verschoben“, sagte Egle. „Dass es sich um eine zentrale Stressverarbeitungsstörung in bestimmten Hirnbereichen handelt, wird zunehmend anerkannt – leider nicht in Deutschland, aber international.“Die Diagnose Fibromyalgie wurde ursprünglich von Rheumatologen eingeführt, die damit Patienten belegten, die unter Muskel- und Gelenkschmerzen sowie häufig auch Abgeschlagenheit und Schlafstörungen leiden, ohne dass beispielsweise orthopädische oder immunologische Ursachen gefunden werden können. Im Jahr 1990 veröffentlichte das American College of Rheumatology einen Kriterienkatalog; hier wurde unter anderem gefordert, dass mindestens elf von achtzehn definierten Sehnenansatzpunkten am Körper bei Druck durch den Arzt schmerzempfindlich sein sollten.

          Zentrale Fehlregulation

          „Später wurde deutlich, dass die Patienten überall eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit aufweisen und zudem besonders geruchs- und geräuschempfindlich sind“, sagte Egle. „Das sind Indizien, die für eine zentrale Dysregulation sprechen, eine sensorische Schwellenverstellung.“ Damit würde die Krankheit aus der rheumatologischen Zuständigkeit herausfallen. Ob eine solche Herauslösung gerechtfertigt wäre, ist noch immer umstritten. Immer wieder wird vermutet, dass doch Nervenschädigungen in der Peripherie des Körpers – und nicht im Zentralnervensystem – verantwortlich für die chronische Störung sind. Zuletzt beschrieben Forscher der Universität Würzburg Anfang des Jahres im Fachmagazin „Brain“ Schädigungen im Bereich der kleinen schmerzleitenden Nervenfasern, die in der Haut enden, bei Betroffenen (doi:10.1093/brain/awt053).

          Egle vertritt hingegen den Standpunkt, dass die Patienten in psychosomatischen Kliniken am besten aufgehoben sind. Er sieht hinter der Debatte einen berufspolitischen Konflikt: „Es gibt in Deutschland zu viele Betten in rheumatologischen Fachkliniken. Ohne die Fibromyalgie-Patienten könnten sie nicht mehr gefüllt werden.“ Für Aufsehen sorgte Egle gemeinsam mit acht anderen deutschen Wissenschaftlern im Juni mit einer Studie, die im Fachmagazin „Rehabilitation“ erschien. Die Autoren verglichen anhand von Fragebögen mehr als 600 Fibromyalgie-Patienten, die ihre Rehamaßnahmen an drei Rheumakliniken und an drei psychosomatischen Kliniken erhielten. Einen Frühberentungswunsch äußerten fünfzehn Prozent der Patienten in der Psychosomatik – aber achtzig Prozent derjenigen, die eine rheumatologische Reha durchliefen (doi: 10.1055/s-0032-1330006).

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