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Immer mehr Psychopharmaka : Wenn Kinder einfach krank gestempelt werden

  • -Aktualisiert am

Therapie mit unbekannten Langzeitfolgen: Immer mehr Kinder erhalten in den Vereinigten Staaten Psychopharmaka. Bild: dpa

Ist der Nachwuchs auch nur etwas verhaltensauffällig, greifen Amerikas Eltern und Ärzte schnell zu Psychopillen. Neue Zahlen belegen, wie dramatisch die Entwicklung ist.

          In den Vereinigten Staaten werden immer mehr Kinder als psychisch krank eingestuft und mit Psychopharmaka behandelt. Am häufigsten werden Verhaltensauffälligkeiten therapiert. Ein Beitrag von Dinci Pennap von der Universität Maryland und ihren Kollegen in der Zeitschrift „Jama Pediatrics“ verdeutlicht das ganze Ausmaß dieser Entwicklung: Von 35 244 Kindern, die 2007 in einkommensschwache Familien eines Bundesstaates im Osten der Vereinigten Staaten hineingeboren worden sind, ist jedes fünfte Kind bis zu seinem achten Lebensjahr als psychisch krank eingestuft worden. Jedes zehnte Kind dieser Geburtskohorte hat bis zum achten Lebensjahr Psychopharmaka erhalten.

          Die Konsequenzen, die sich daraus für die Reifung des kindlichen Gehirns und die langfristige körperliche und geistige Gesundheit der Kinder ergeben, sind nicht absehbar. Die am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung ist ADHS, eine Störung der Aufmerksamkeit- und der Konzentrationsfähigkeit, gefolgt von Lernschwierigkeiten, Störungen des Sozialverhaltens, Anpassungsstörungen und Angststörungen. Autismus und Depression sind nur selten festgestellt worden. Bei den Jungen kommt besonders häufig ADHS vor, bei den Mädchen sind es auch Anpassungs- und Angststörungen. Lernschwierigkeiten und Störungen im Sozialverhalten sind bei beiden Geschlechtern gleichermaßen häufig vertreten gewesen.

          Unbekannte Langzeitfolgen

          Die Lernschwierigkeiten sind zumeist schon im Alter von drei Jahren diagnostiziert worden. Dreiviertel der bis zum achten Lebensjahr behandelten Kinder haben Stimulanzien erhalten, ein Drittel ein sedierendes Medikament und 20 Prozent ein angstlösendes oder beruhigendes Mittel. 16 Prozent der bis zum achten Lebensjahr behandelten Kinder haben zwei Präparate gleichzeitig verordnet bekommen, vier Prozent der Kinder haben sogar drei und mehr Präparate gleichzeitig erhalten. Zwei Drittel der eingesetzten Medikamente sind nicht für Kinder zugelassen und sind außerhalb der von der Arzneimittelbehörde FDA genehmigten Verwendungen eingesetzt worden. Es gibt keinerlei Langzeitdaten über die Folgen. Welche Konsequenzen etwa hat der frühe Einsatz von Psychopharmaka für die Psyche der Kinder, ihre kognitiven Fähigkeiten, ihr Schlafverhalten oder ihren Stoffwechsel?

          Erschreckend sind für die Autoren auch die Zahlen zur Einnahmedauer – wobei unklar bleibt, wie viel die Kinder nicht nur verordnet bekommen, sondern auch eingenommen haben. Die im Alter von drei Jahren behandelten Kinder haben im Durchschnitt an 49 Tagen im Jahr Psychopharmaka erhalten, die Hälfte der behandelten Siebenjährigen an mehr als 200 Tagen im Jahr. Alle Daten wurden über Medicaid erhoben, einem steuerfinanzierten Programm zur Gesundheitsfürsorge für einkommensschwache Familien, in dem alle Kinder krankenversichert gewesen sind. Die Daten können deshalb nicht auf andere soziale Schichten übertragen werden.

          Psychopharmaka in Pflegeeinrichtungen

          Nahezu die komplette Geburtskohorte des Jahres 2007 der bei Medicaid versicherten Kinder eines Bundesstaats wurde damit erfasst und über acht Jahre beobachtet. 43 Prozent der Kinder haben einen afroamerikanischen Hintergrund, 24 Prozent der Kinder sind Weiße, 21 Prozent Latinos. Im Alter von acht Jahren sind mehr weiße Kinder aus der Geburtskohorte als psychisch krank eingestuft worden als Kinder mit afroamerikanischem oder lateinamerikanischem Hintergrund. 334 Kinder leben in Pflegeeinrichtungen. Bei diesen Kindern ist häufiger eine psychiatrische Diagnose gestellt worden, und sie sind länger mit Psychopharmaka behandelt worden als Kinder, die mit den Eltern zusammenleben.

          Pennap und ihre Kollegen fordern Studien zur langfristigen Sicherheit und Wirksamkeit dieser Behandlungen. Weil die meisten Medikamente für Verhaltensauffälligkeiten verschrieben werden, müsse sorgfältig über das Verhältnis aus Nutzen und Risiko nachgedacht werden, schreiben die Wissenschaftler. Die Vereinigten Staaten könnten bald neben der Opioid-Epidemie ein weiteres größeres Gesundheitsproblem haben, das sich aus dem laxen Umgang mit Psychopharmaka für die Heranwachsenden ergeben.

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