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Psychologie : Ich werde schaden

  • -Aktualisiert am

Der bekannte Placebo-Effekt bei medizinischen Blindversuchen hat seinen naheliegenden Gegeneffekt: Befürchtungen von schädlichen Nebenwirkungen führen auch dann zu Beschwerden, wenn das verabreichte Mittel bloß die inhaltsfreie Testpille war.

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          Der 26-jährige Derek Adams wollte seinem Leben ein Ende setzen. Seine Freundin hatte ihn verlassen. Er schluckte 29 Kapseln eines Antidepressivums und bekam Todesangst. Nach der massiven Überdosis sackte sein Blutdruck ab, er kam in die Klinik und konnte trotz intravenöser Infusionen nicht stabilisiert werden.

          Die fraglichen Tabletten hatte er im Rahmen einer Medikamentenstudie bekommen. Wie üblich, waren der Hälfte der Teilnehmer echte Medikamente, den anderen nur Placebos verabreicht worden. Und natürlich wussten die Versuchsteilnehmer nicht, zu welcher Gruppe sie gehörten - die Studie war ordnungsgemäß "verblindet". Nach der Einlieferung in die Notfallstation stellte sich heraus, dass Adams zur Placebogruppe gehörte. Als er erfuhr, dass er nur ein Scheinpräparat geschluckt hatte, verschwanden seine Beschwerden binnen kurzem. Der junge Mann war körperlich kerngesund. Adams' Fall wurde vor zwei Jahren im amerikanischen Fachblatt General Hospital Psychiatry beschrieben und gilt bereits als Klassiker im Bereich der Noceboforschung.

          Wirkung weißer Mäntel

          Nocebo (lateinisch: "ich werde schaden") ist die Negativseite des bekannten Placeboeffekts. Der Glaube allein kann heilen oder Schmerzen lindern, aber er kann auch krank machen oder gar töten. Dabei handelt es sich nicht um bl0ße Einbildung, der Effekt beeinflusst ganz real und messbar die Physiologie des Körpers. Es gibt Berichte von Menschen, die starben, nur weil sie daran glaubten, von einem Voodoo-Magier zum Tode verurteilt worden zu sein.

          In der westlichen Medizin treten an die Stelle des Magiers Ärzte im weißen Kittel. Und wenn die Bedrohliches verkünden, können Patienten in Depressionen verfallen. Gerade wurde im Magazin Cancer eine Metastudie veröffentlicht, die den Zusammenhang von Depression und Lebenserwartung bei Krebspatienten untersuchte. Das Ergebnis nach der Beobachtung von 9400 Fällen: Depressive Krebskranke hatten eine um 39 Prozent höhere Todesrate.

          Angst wirkt überall in der Medizin: "Wir haben in einer Studie 130 Patienten mit Rückenschmerzen betreut", sagt Winfried Rief, Leiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Uniklinik in Marburg. "Die meisten von ihnen hatten im Vorfeld Sätze gehört wie ,Ihre Wirbelsäule ist ein Wrack' oder ,Falsche Bewegungen können zu Lähmungen führen'." Die Patienten bekamen daraufhin tatsächlich massive Schmerzen. "Wir haben dann ein psychotherapeutisches Behandlungsprogramm durchgeführt, in dessen Verlauf sie deutlich nachließen", sagt Rief. Mit der Angst ging der Schmerz.

          Die Überredungskraft der Bilder

          Gerade bei Rückenschmerzen wird der Kranke mit dem ganzen Arsenal der modernen Medizin konfrontiert. Die Betroffenen werden mit Röntgenbildern, Computertomogrammen und Kernspinaufnahmen geradezu überschüttet. Für den Bochumer Schmerzforscher Christoph Maier ist diese inflationär durchgeführte Bildbetrachtung ein Kunstfehler, weil sie sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken kann: "Je mehr radiologische Aufnahmen der Patient mitbringt, desto wahrscheinlicher ist es, dass seine Rückenschmerzen chronisch werden - einfach, weil er die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt." Die Erwartungshaltung bestimmt den weiteren Krankheitsverlauf.

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