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Psychologie : Ich werde schaden

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Menschenversuche, wie gesagt, verbieten sich, aber einen Schritt in diese Richtung haben die Essener einmal an Freiwilligen ausprobiert. "Wir wollten extremen Stress, und zwar standardisiert bei allen Versuchspersonen", sagt Schedlowski. "Wir haben sie dann einfach als Tandemspringer an einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen lassen und anschließend ihr Blut untersucht." Das Ergebnis: "Innerhalb von Sekunden sind Killerzellen und Granulozyten aktiviert, der Adrenalispiegel verzehnfacht sich." Damit ist die Immunabwehr maximal aktiviert. Aber nur für kurze Zeit. Hält dieser extreme Stress über längere Zeit an, kann die Immunabwehr nachhaltig geschwächt werden und das Opfer ist harmlosen Infektionen wehrlos ausgeliefert.

Anwendung für Doping?

Viele physiologischen Funktionen lassen sich manipulieren: "Wir haben Probanden Cyclosporin A verabreicht - ein Präparat, mit dem das Immunsystem gebremst wird. Die Probanden bekamen das Mittel immer in Kombination mit einem grünen Getränk, für das wir extra einen eigenen Lavendelgeschmack entwickelt haben", sagt Schedlowski. Nach einiger Zeit ließ sich die Wirkung auf das Immunsystem auch ohne Cyclosporin erreichen, nur durch den Saft und die Verabreichung einer Scheinpille.

Allerdings funktionierte die Manipulation nicht bei allen Teilnehmern: "Etwa ein Drittel reagierte überhaupt nicht auf das Scheinmedikament. Jetzt versuchen wir, das mit einem psychischen Profil zu verbinden", sagt Schedlowski. Seine Vision: "Wir könnten zumindest eine Zeitlang auf belastende Medikamente verzichten und sie durch Scheinpräparate ersetzen."

Eine ganz andere Anwendung wäre ebenfalls denkbar. Man könnte beispielsweise Dopingmittel mit einem Saft kombinieren und kurz vor dem Wettkampf durch ein Scheinpräparat ersetzen. Die Wirkung hält an, das Mittel lässt sich nicht mehr nachweisen: Doping mit der Kraft der Gedanken.

Das Vermeiden der Angstfalle

Placebowirkungen sind mittlerweile gut untersucht. Der Noceboeffekt dagegen ist wissenschaftliches Neuland. PubMed, die große Datenbank der amerikanischen National Library, listet unter dem Begriff Placebo fast 134 000 Veröffentlichungen auf, zum Thema Nocebo nur 109. "Wir sehen in klinischen Studien ein geradezu hypnotisches Starren auf die positiven Effekte. Unerwünschte Nebenwirkungen dagegen werden lausig schlecht erfasst", sagt Rief.

Wenn man ihn ernst nimmt, hat der Noceboeffekt gravierende Konsequenzen für die medizinische Praxis. "Wir dürften beispielsweise Krebspatienten nicht mehr lange auf Untersuchungsergebnisse warten lassen, deren Resultat für sie fatal sein kann. Die Angst vor dem Ergebnis brennt sich irreversibel ins Gehirn, auch wenn später eine Entwarnung folgt", sagt Rief.

Müsste man vielleicht sogar lügen, um Patienten vor der Angst zu schützen? "Lügen sind keine Alternative, denn die Wahrheit wird gespürt", sagt Peter Henningsen, Leiter der Psychosomatischen Medizin am Münchener Klinikum rechts der Isar. "Wir empfehlen eher, ,selektiv authentisch' zu sein: Man lässt auch mal was weg, um den Patienten nicht in die Angstfalle tappen zu lassen."

Was Patienten dann vor allem brauchen, sind Gespräche. "Wir wissen genau, welche Bedeutung Angst und Hoffnung für den Krankheitsverlauf haben. Trotzdem speisen wir die Patienten in den Praxen mit einer Vier-Minuten-Medizin ab", sagt Karin Meissner, Leiterin der Arbeitsgruppe Experimentelle Psychosomatik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Aussagen wie ,Wir können nichts mehr für Sie tun' sind ganz fatal." Vielleicht sogar fahrlässige Tötung.

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