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Psychisch immun im Corona-Tief : Eine produktive Haltung hilft

Dem Corona-Frust die Zähne zeigen. Bild: dpa

Viele kämpfen mit sich, sind gefrustet, und immer mehr landen im Corona-Stress im Bullshit-Sumpf. Kann man sich schützen? Die Resilienzforschung hat schon Ideen, wie man die Psyche impfen kann.

          2 Min.

          Alles wird gut. Was für eine Floskel. Besonders jetzt. Viele werden denken: Selten war sie so deplaziert wie in dieser Zeit, in der wir jeden Tag mehr Angst, Hass oder Hysterie erleben. Und doch: Warum sollte es nicht wirklich wieder gut werden? Warum die Zweifel teilen und nicht Zuversicht? Nennen wir es die Methode Merkel. Zugegeben: Der seelische Panzer, den sich die Kanzlerin zugelegt hat und der wochenlang wie ein undurchdringlicher Infektionsschild über der Republik lag, er ist mit dem Lockdown-Theater schlussendlich gebrochen. Der Druck war am Ende einfach zu groß. Doch der Eindruck der Standhaftigkeit bleibt.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die politische Dynamik also und weniger der Covid-19-Stress hat eine Wende herbeigeführt, die seit dem Wochenende auf den Straßen greifbar wird. Nicht nur Verschwörungstheoretiker und politische Wirrköpfe ziehen da ungeschützt über die Plätze. Vielmehr gehen mit vielen die Gefühle durch. Es ist fatal: Der Stress der Isolation bildet mit der Unsicherheit über die eigene Gefährdung und die persönliche Zukunft ein unheilvolles psychisches Amalgam. Das Immunsystem der Seele, die Fachleute sprechen von Resilienz, scheint überm Limit.

          Für die Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz ist das die Chance, mehr über die Faktoren und Mechanismen herauszufinden, die uns davor bewahren, in Extremsituationen mental krank zu werden. Was sind die Schutzfaktoren, die uns abhärten und uns seelisch impfen? Und wie viel Stress ist gerade noch erträglich? Solche Fragen schließen an die psychiatrisch wie neurobiologisch nach wie vor kaum beantwortbare Frage an, warum die einen unter Stress krank werden, die anderen aber nicht.

          Ein halbes Dutzend Studien haben die Forscher um die wissenschaftlichen Geschäftsführer Klaus Lieb und Beat Lutz inzwischen auf den Weg gebracht. Auch international sind in den vergangenen Wochen die Drähte zu den Menschen in ihren eigenen vier „Labor“-Wänden heiß gelaufen. In der europäischen „Dynacore“-Studie etwa, einer Online-Studie, an der sich schon fünfzehntausend Quarantäneteilnehmer beteiligt haben, liefert die Mainzer Gruppe um Raffael Kalisch und Oliver Tüscher die ersten vorsichtigen Hinweise. In weiteren Längsschnittstudien sollen die psychischen Reaktionen noch besser verstanden werden, insbesondere bei der nun anstehenden Bewältigung der Folgen der Krise. Für die erste Vorveröffentlichung in „psyArXiv“ wurden fünftausend Fragebögen ausgewertet. Coronaspezifische Stressfaktoren sind demnach: das Eingeschlossensein und die eingeschränkte Freizeitgestaltung sowie der Informationsrummel rund um die Corona-Krise. „Im Gros war die psychische Belastung im Lockdown erhöht“, resümiert der Psychiater Klaus Lieb die Zwischenresultate, „aber es haben längst nicht alle gelitten“.

          Insbesondere Gesundheitspersonal und Migranten hatten in diesen ersten Wochen Schwierigkeiten, den Stress und auch Ängste zu verarbeiten. Die meisten anderen fanden einen Weg, ihre eigene Lage zu bewältigen. Ein „positiver Bewertungsstil“, so bezeichnet Tüscher, was nach Überzeugung der Mainzer Resilienzforscher der wichtigste Schlüssel für eine starke psychische Immunabwehr ist. Was das heißt? Jedenfalls nicht, in blinden Optimismus zu verfallen oder sich etwas vorzumachen. Eine „produktive Haltung“ einzunehmen und positiv in die Zukunft zu sehen, das zahlt sich aus. Weil das aber nicht jedem gleichermaßen gegeben ist, wird es in der Resilienzforschung künftig darum gehen herauszufinden, was diese innere Haltung zu fördern vermag. Apps, Hotlines, Kurse, Therapiestunden – vieles ist da derzeit denkbar, das mit der Methode Merkel kompatibel wäre.

          Neu im Wissen-Podcast „Herdenimmunität – bald in Reichweite?“ Wovon abhängt, wann die Covid-19 Ausbreitung dauerhaft gestoppt wird. www.faz.net/podcasts

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