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Schizophrenie : Was heißt schon schizophren

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Dieser Ansatz beruht auf einer inzwischen etablierten Erkenntnis: Das Gehirn ist in Netzwerken organisiert, in denen einzelne spezialisierte Zentren zusammengeschaltet sind und unter Aufsicht eines übergeordneten Areals gemeinsam Aufgaben wie Emotionsregulation, kognitive Planung, Antrieb und Affektkontrolle erledigen. Ist eine der Untereinheiten oder auch nur die Verbindung in dem Regelkreis gestört, führt das zu ganz bestimmten Symptomen.

Hört der Patient zum Beispiel Stimmen, spielt möglicherweise das Sprachzentrum verrückt, das im Temporallappen angesiedelt ist. Es kann aber genauso gut sein, dass die dafür zuständige Kontrollinstanz im Frontalhirn nicht mehr in der Lage ist, Gedachtes und Gehörtes auseinanderzuhalten. Der Regelkreis kann auch aus dem Takt geraten, wenn er bei einem Gesunden von Geburt an besonders empfindlich ausgelegt ist. „Wer schon beim Konsum von Marihuana Stimmen hört“, sagt Tebartz van Elst, „dessen Gehirn ist wahrscheinlich einfach besonders nah am Halluzinieren gebaut.“

In dem bisherigen Verständnis steckt jede Menge Wissen - und Fehler

Allerdings sind sich nicht alle Wissenschaftler einig, welches die entscheidenden Regelkreise sind. Am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat sich dessen Chef Andreas Meyer-Lindenberg noch einmal neu auf die Suche gemacht. Viele Risikofaktoren der psychiatrischen Krankheiten seien bekannt, sagt er. Man kenne inzwischen die entsprechenden Genvarianten und wisse, welche Umwelteinflüsse besonders gefährlich sind. So scheinen zum Beispiel Faktoren wie die Geburt in einer städtischen Umgebung, sexueller Missbrauch oder ein Migrationshintergrund der Eltern die Entwicklung einer Schizophrenie zu begünstigen.

Vom kommenden Jahr an wollen die Mannheimer Wissenschaftler in einem neuen, von Bund und Land geförderten Zentrum für innovative Psychiatrie- und Psychotherapieforschung gründlicher studieren, was eigentlich das Gehirn eines gesunden, in der Stadt geborenen Menschen oder das eines Schizophrenie-Gen-Trägers von dem eines Menschen ohne diese beiden Risikofaktoren unterscheidet. Hirnzentren und neuronale Verbindungen, die bei diesen Untersuchungen besonders häufig ins Auge fallen, müssten, so jedenfalls die Theorie, auch bei der Entstehung der entsprechenden Krankheit und im zugehörigen Regelkreis eine entscheidende Rolle spielen. Gelänge es erst einmal, diese Strukturen zu sogenannten Konvergenzsystemen zusammenzufassen, würde man jene Netzwerke identifizieren können, die bei der Entstehung der Krankheiten die entscheidende Rolle spielen.

Diese Vision teilt Meyer-Lindenberg mit seinem amerikanischen Kollegen Tom Insel: Beide träumen von einer Psychiatrie, die statt der bisherigen psychiatrischen Krankheiten nur noch Störungen von funktionellen Regelkreisen behandelt, die sie zuvor mit Hilfe von Bildern und Labormessungen aufgespürt hat. Bis es so weit sei, werde es aber noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte dauern: „Jedes neue System muss erst einmal beweisen, dass es für den Patienten therapeutisch einen Fortschritt bedeutet“, sagt Meyer-Lindenberg „Auch die bisherigen Definitionen wurden ja nicht ausgewürfelt - da steckt eine Menge Wissen und Erfahrung drin.“ Und eben der ein oder andere Fehler.

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