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Schizophrenie : Was heißt schon schizophren

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Ernüchternd ist aber vor allem die Erfolgsbilanz beim Thema Therapie. Die meisten psychiatrischen Behandlungsmethoden, sagt Sarah Morris vom staatlichen Forschungsinstitut National Institute of Mental Health in den Vereinigten Staaten, versagten bei der Hälfte der Patienten: „Das zeigt, dass wir irgendetwas grundsätzlich falsch machen müssen.“ „Der Patient hat Besseres verdient“, sagt ihr Chef Tom Insel. Er will nicht nur die Schizophrenie, sondern gleich den kompletten bislang gültigen Krankheitskatalog der Psychiatrie abschaffen.

Die großen Diagnosekataloge helfen in der Praxis nur bedingt weiter

Im Gegensatz zu anderen medizinischen Fächern, so lautet jedenfalls seine Kritik, spiele es bei der Diagnose einer psychiatrischen Krankheit bisher kaum eine Rolle, welche Ursachen dahinterstecken. „Eine Panikstörung beispielsweise müsste man eigentlich ähnlich einordnen wie Blindheit oder Fieber“, sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Hinter Fieber kann sich alles Mögliche verbergen, Blindheit kann nicht nur die Folge eines Schlaganfalls sein, sondern auch nach einer Ablösung der Netzhaut oder einer Trübung der Linse auftreten. Entsprechend unterschiedlich muss dann die Behandlung sein.

Die gängige Einteilung psychischer Leiden ist vor allem historisch zu erklären: Weil sich Psychiater, Psychologen und Psychoanalytiker einst nicht darauf einigen konnten, was genau im Kopf ihrer Patienten eigentlich schiefläuft, hat man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigt: die Symptome. Große Diagnosekataloge wie das DSM-5 oder das ICD-10 fassen seitdem die Beschwerden, welche die Patienten objektiv an den Tag legen oder über die sie berichten, zu einzelnen Gruppen zusammen, denen man dann Etiketten wie affektive, Zwangs- oder Persönlichkeitsstörung anheftet. Das funktioniert in der Praxis aber nur mit großen Abstrichen. Bei jedem fünften Patienten steht der Psychiater heutzutage vor dem Problem, dass die an ihm beobachteten Symptome nicht nur zu einer, sondern mindestens zu zwei weiteren Erkrankungen passen. Immerhin hat man mit der bisherigen Methode erreicht, woran man vorher zum eigenen Erschrecken gescheitert war: sicherzustellen, dass in jedem Krankenhaus am selben Patienten einigermaßen verlässlich auch dasselbe diagnostiziert wird.

Am National Institute of Mental Health hat sich Tom Insel vor zwei Jahren zu einem besonders radikalen Schritt entschlossen. „Wir haben uns gefragt: ,Was wäre, wenn wir alle bisherigen Einteilungen über Bord werfen und ganz von vorn anfangen‘“, erzählt seine Mitarbeiterin Sarah Morris. Im Rahmen eines sogenannten Research Domain Criteria Projects, an dem sie selbst mitwirkt, werden seitdem nicht mehr Schizophrenie, Depression und Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom untersucht, sondern funktionelle „Domänen“ wie kognitive Verarbeitung, positive beziehungsweise negative Emotionen und soziale Interaktion. „Unsere Forscher studieren nicht länger Menschen mit dem Symptom Angst“, heißt es auf der Instituts-Website, „sie erforschen vielmehr den neuronalen Angst-Regelkreis.“

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