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Schizophrenie : Was heißt schon schizophren

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Wenn die Diagnose Schizophrenie einmal gestellt ist, wird sie bislang nur sehr selten hinterfragt. „Stattdessen ruht man sich gern darauf aus“, sagt Prüß. „Man braucht heutzutage schon etwas sehr, sehr Handfestes, bevor man so einem Patienten abnimmt, dass sein Problem nicht rein psychischer Natur ist.“ In Freiburg und Berlin bietet man inzwischen allen psychotischen Patienten Antikörpertests an. Aber das ist noch die Ausnahme.

Auch in manchen anderen Fällen ist die Diagnose Schizophrenie unzuverlässig. Wahnsymptome oder akustische Halluzinationen können beispielsweise genauso gut eine Folge der erblichen Stoffwechselerkrankung Morbus Niemann-Pick Typ C sein. Oder von einem epileptischen Anfall, einem Hirntumor oder einer Hirnentzündung hervorgerufen werden. Jedes dieser Symptome reicht für sich genommen schon aus, um einem Patienten eine Schizophrenie zu attestieren. Das schließt auch das Hören von Stimmen ein. Jeder siebte gesunde Europäer kennt dieses Phänomen aus eigener Erfahrung, hat der niederländische Psychiater und Epidemiologe Jan van Os von der Universität Maastricht ermittelt.

Die meisten Therapien versagen bei der Hälfte der Patienten

Der Freiburger Ludger Tebartz van Elst, einer der Leiter des Referats Neuropsychiatrie bei der psychiatrischen Fachgesellschaft DGPPN, fordert inzwischen sogar, das schwammige Krankheitskonzept der Schizophrenie gleich ganz abzuschaffen. Schizophrenie sei eigentlich nur ein Sammelbegriff für eine bunte Mixtur ganz verschiedener Syndrome, die in der Regel völlig verschiedene Ursachen hätten. „Das Konzept nützt weder Ärzten noch Patienten“, sagt Tebartz van Elst. Die Betroffenen würden nur unnötig stigmatisiert und die Forscher vergeblich nach neuen Heilmethoden für einen bunten Haufen von Auffälligkeiten suchen, die nur begrifflich unter einen Hut zu bringen sind. „Kein Wunder, dass wir wissenschaftlich so grandios erfolglos sind“, sagt der Mediziner.

Das gilt nicht nur für die Schizophrenie. Auch an der Einheitlichkeit anderer psychiatrischer Krankheitsbilder wie der Depression oder der bipolaren Störung regen sich Zweifel. Denn moderne Untersuchungsverfahren wie Gensequenzierungen und die bunten Bilder von PET- und MRT-Untersuchungen enthüllen hier plötzlich ganz unerwartete Ähnlichkeiten. „Viele genetische Faktoren, die gehäuft bei Depressionskranken zu finden sind, scheinen zum Beispiel auch bei der Entstehung von Autismus, Schizophrenie und dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom eine Rolle zu spielen“, sagt Markus Nöthen, Direktor der Humangenetik der Universitätsklinik Bonn. Auch auf den Hirnscans zeigt sich, dass die Trennungslinien zwischen den verschiedenen Krankheiten nicht immer sauber gesetzt sind. Die Aktivitäts- und Abbaumuster sind hier häufig nur schwer auseinanderzuhalten, während sich einzelne Schizophreniepatienten erstaunlich voneinander unterscheiden können.

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