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Psychologie : Ein Schalter für Empathie

  • -Aktualisiert am

Eine Anstalt für Sicherungsverwahrte in Straubing. In den Gebäuden ist Platz für 84 Sexual- und Gewaltverbrecher, die ihre Strafe schon verbüßt haben, aber wegen ihrer Gefahr für die Allgemeinheit nicht freigelassen werden können. Bild: Armin Weigel/dpa

Empfinden Gewaltverbrecher und Psychopathen so etwas wie Mitgefühl ? Nein, glaubte man lange Zeit. Ein Experiment zeigt nun das Gegenteil.

          Menschen haben eine empathische Grundhaltung, die sie davon abhält, andere zu quälen. Diese Haltung hat mit den Spiegelneuronen zu tun. Die Nervenzellen sorgen dafür, dass wir lachen, wenn andere lachen, Ekel empfinden, wenn andere sich ekeln, und Pein verspüren, wenn andere gepeinigt werden. Deshalb schrecken die meisten Menschen davor zurück, andere zu quälen, weil sie den Anblick ihres leidenden Opfers nicht ertragen könnten. Psychopathen kennen diese Hemmschwelle nicht. Sie quälen und misshandeln auf mitleidlose, grausame und kaltherzige Weise. Deshalb wurde lange Zeit vermutet, dass sie gar keine Empathie besitzen. Christian Keysers und seine Kollegen von der Universität Groningen zeigen nun in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Brain“, dass diese Sicht zu kurz gegriffen ist (doi:10.1093/brain/awt190). „Psychopathen besitzen sehr wohl die Fähigkeit zur Empathie“, sagt Keysers, „aber sie müssen diese Fähigkeit willentlich aktivieren. Sie haben keine unbewusste empathische Grundhaltung. Empathie ist für Psychopathen kein normaler Habitus.“

          Videos verraten die Befindlichkeit

          Worauf basiert diese Schlussfolgerung? Die niederländischen Forscher haben Hirnscans bei achtzehn wegen eines Gewaltverbrechens inhaftierten Psychopathen und 26 Kontrollpersonen gemacht und ihnen währenddessen kurze Filme gezeigt. Zu sehen war, wie Hände gestreichelt, geschlagen, geschüttelt oder abwehrend zur Seite geschoben wurden. Alle Teilnehmer sollten sich die Filme zunächst nur anschauen. Beim zweiten Durchgang wurden sie aufgefordert, sich ganz bewusst in die Gefühlslage einer Person hineinzuversetzen, entweder in die mit der Geberhand oder der Nehmerhand. Beim dritten Durchgang wurden die Hände der Teilnehmer gestreichelt, geschlagen, geschüttelt oder abgewiesen.

          Beim bloßen Beobachten der Handbewegungen waren die für Empathie zuständigen Hirnregionen bei den Psychopathen weniger aktiv als bei den Kontrollpersonen. Wenn die Psychopathen allerdings ausdrücklich gebeten wurden, empathisch zu sein, und wenn ihre eigenen Hände involviert waren, zeigten sich keine Unterschiede zu den Hirnscans der Kontrollgruppe. „Dieses belegt, dass Psychopathen keinen grundsätzlichen Mangel haben, sondern dass sie ihre Empathie bewusst einschalten, wenn sie dazu aufgefordert werden“, sagt Keysers. Ob sie auch berechnend mit ihrer Empathie umgehen - etwa, um ein Opfer in ihre Gewalt zu bringen -, lässt sich derzeit nicht sagen.

          Vererbung und Elternhaus

          Psychopathie ist eine Persönlichkeitsstörung. Schätzungen gehen davon aus, dass eine von hundert Personen diese Störung hat. Männer sind viermal häufiger betroffen als Frauen. Zwillingsstudien zeigen, dass Vererbung eine Rolle spielt. Wichtiger für das Auftreten der Störung ist allerdings, wie jemand aufwächst. Obwohl Psychopathie genauso häufig vorkommt wie Autismus und Schizophrenie, ist sie ein Stiefkind der Forschung. Das habe damit zu tun, dass Psychopathen wenig hilfsbereit seien, sagt Keysers. Fünf Jahre seien nötig gewesen, um die Gewaltverbrecher zur Teilnahme zu bewegen und die nötigen Transportgenehmigungen von den Haftanstalten zum Untersuchungslabor zu bekommen.

          Könnte sich jemand, der in die Fänge eines Psychopathen geraten ist, retten, indem er an das Mitgefühl des Täters appelliert? „Diese Frage ist schwer zu beantworten“, sagt Keysers. „In einer solchen Situation wäre Empathie für den Täter kontraproduktiv und würde wenig Sinn machen. In unserem Experiment bestand kein Zielkonflikt. Die Täter konnten, ohne etwas zu verlieren, empathisch sein. Die Kooperation könnte ihnen sogar als gute Führung angerechnet werden.“ Keysers hofft nun, dass seine Ergebnisse die Therapie voranbringen werden. Diese sollte aus seiner Sicht nicht mehr darauf abzielen, Empathie zu vermitteln, sondern wieder eine normale empathische Grundhaltung herzustellen, die die Basis für moralisches Handeln darstellt.

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