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Psychiatrie und Kunst : Macht Kunst gesund?

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Franz Hartl (1913-2003): „Doppel-Augen-Spiel“, 1943, Bleistift, Tusche, Gouache, 43 × 43 cm Bild: Museum im Lagerhaus, Depositum Dora und Werner Hartl

Für Surrealisten und die „Art Brut“ war die Kunst psychisch Kranker eine Quelle der Inspiration. Heute wird ihr Schaffen kunsttherapeutisch genutzt. Ihre Werke sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

          Der Psychiater Helmut Rennert meinte 1962 stolz, eine „Grammatik schizophrener Bildnerei“ beschrieben zu haben. Anhand 34 formaler und 54 inhaltlicher Kriterien beschrieb er vermeintlich typische Eigenschaften. In den Werken der Kranken finde man regelmäßig barock-verschnörkelte Formen („Zuckerbäckerstil“), fratzenhafte Gesichter, Figuren mit mehreren Köpfen, Armen oder Beinen und die andauernde Wiederholung ein und desselben Motivs. Selbst der letzte Winkel des Blattes werde akribisch mit Ornamenten ausgemalt, Text und Bild würden regelmäßig vermischt. Bevorzugt würden magische, religiöse und sexuelle Motive dargestellt.

          Dass der Versuch, die Kunst psychisch Kranker in ein derart enges Schema zu pressen, von vornherein zum Scheitern verurteilt war, liegt auf der Hand. Der deutsche Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886-1933) wollte sich auch gar nicht erst auf einen solchen Versuch einlassen. Er glaubte zeitlebens daran, dass es kein verlässliches Kriterium gab, um die Kunst psychisch Kranker zweifelsfrei von der Kunst Gesunder zu unterscheiden. In den 1920er Jahren begründete er eine deutschlandweit einzigartige Sammlung. Er wandte sich dafür an die Leiter psychiatrischer Einrichtungen und bat darum, ihm Werke ihrer Patienten zu schicken. Bald hatte er mehr als fünftausend Exemplare zusammen. Mit ihnen wollte er ein Museum für pathologische Kunst ausstatten. Das blieb ihm jedoch ein Leben lang verwehrt. Sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ von 1922 wurde jedoch zum Standardwerk.

          Ein verzerrter Blick auf die Gesellschaft

          Heute ist die Sammlung Prinzhorn auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg in einem ehemaligen Hörsaal untergebracht. Betreut wird sie von Thomas Röske. Als das Wort Wahn fällt, reißt er die Augen auf. „Wahn? Was ist das?“, fragt er. Ihm geht es um die Momente psychischer Grenzerfahrung und nicht darum, diese Geisteszustände medizinisch einzuordnen. Künstlerische Begabung finde man bei psychisch Kranken nicht häufiger als bei Gesunden, sagt er. Aber die psychischen Ausnahmezustände, die die geistig Kranken durchleben, riefen oftmals schlafende Begabungen wach.

          Das sieht man den Exponaten der Sammlung Prinzhorn an. Ohne eine klassische Kunstausbildung, aber mit großem Drang, eine Botschaft zu Papier zu bringen, hatten die psychisch Kranken sich viele Techniken selbst beigebracht. Sie bewegten sich damit außerhalb gängiger Kunstsprachen und verstießen gegen ungeschriebene Regeln. Viele von ihnen versuchten, einen Beleg für Dinge zu schaffen, die nur sie sahen, wie zum Beispiel eine göttliche Vision in den Schweißflecken einer Schuheinlegesohle. So entstanden magische Werke, die einen verzerrten Blick auf die Gesellschaft boten. Das Resultat wurde damals in der Kunstszene mit großem Interesse aufgenommen.

          Vor allem die Surrealisten waren fasziniert. Der Maler Max Ernst ließ sich von Prinzhorns Katalog direkt inspirieren, wie man an dem Bild „Wunder-Hirthe“ von August Natterer nachvollziehen kann. Auch andere erfolgreiche Maler wie Salvador Dalí fanden Absurdes und Phantastisches, in Anlehnung an Freud, der die Kunst als die „vielleicht sichtbarste Wiederkehr des unterdrückten Bewusstseins“ identifiziert hatte. Im Wahnsinn kehrte sich offenbar das Unterbewusste nach außen und wurde sichtbar.

          Von gesellschaftlichen Konventionen befreite Künstler?

          Ende der vierziger Jahre gründete Jean Dubuffet die „Compagnie de l’Art Brut“. Er sammelte Kunst aus psychiatrischen Einrichtungen in ganz Europa. Für ihn waren die Kranken Personen, die, von den gesellschaftlichen Konventionen befreit, beflügelt und hellsichtig waren und ihre Werke deshalb echte, weil ursprüngliche Kunst.

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