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Erste psychiatrische Klinik : Die Anstalt auf dem Affenstein

Die „Anstalt für Irre und Epileptische“ wurde 1864 eingeweiht. Heute steht an dieser Stelle in Frankfurts Westend die ehemalige Konzernzentrale der IG Farben. Bild: F. Mylius

Als Autor des „Struwwelpeter“ ist Heinrich Hoffmann weltberühmt. Seine Heimatstadt Frankfurt verdankt ihm den Bau ihrer ersten modernen psychiatrischen Klinik. Vor 150 Jahren wurde sie eröffnet.

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          Die junge Frau erhob schwerwiegende Vorwürfe. Ihre Mutter hätte ihr „das Hirn weggenommen“, auch ihre Zähne hätte ihr jemand heimlich vertauscht, von ihren Händen ganz zu schweigen - man solle, bat sie, doch mal bei ihr zu Hause nachsehen, da liefe wahrscheinlich eine andere Frau herum mit ihren Händen. Im Übrigen sei sie eigentlich „ein toter Mensch“, gestorben für „die Sünden der Menschheit“.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass die Patientin mit den Initialen C. N., die im Frühling 1855 in die „Anstalt für Irre und Epileptische“ in der Frankfurter Kastenhospitalgasse im Bereich des heutigen Börneplatzes eingeliefert worden war, die Anstalt drei Monate später tatsächlich als geheilt entlassen konnte, klingt erstaunlich. Zumal sie offenbar im Wesentlichen mit Abführmittel und Wasserbädern behandelt und, wenn sie sich allzu sehr aufregte, in die Zwangsjacke gesteckt wurde.

          Irgendwann, so bilanzierte später ihr Arzt, beruhigte sie sich und sagte selbst, „zuweilen sei es ihr ganz unklar im Kopf“. Nun fing sie an zu begreifen, „dass ihre Halluzinationen Täuschungen sein müssten“. Nach der Entlassung arbeitete sie wie zuvor als Verkäuferin. Von Halluzinationen berichtet sie ein halbes Jahr später nichts mehr – ob als Folge der „Regenbäder“ und der „Eisblase“, also der lang anhaltenden Duschen und kalten Kompressen, oder aus Sorge, diesen wieder ausgesetzt zu werden, wird sich nicht mehr ergründen lassen.

          Eine Klinik nach den Maßstäben ihrer Zeit

          Jene Patientin C. N. ist eine von mehreren, deren Krankengeschichten der Direktor der Klinik in seinem 1859 erschienenen Buch „Beobachtungen und Erfahrungen über Seelenstörung und Epilepsie in der Irren-Anstalt zu Frankfurt am Main 1851 bis 1858“ vorstellte. Es ist eine Art Bilanz seiner Tätigkeit, seit er acht Jahre zuvor auf diese Stelle berufen worden war, gleichzeitig aber zielte sie auf die Zukunft.

          Indem er genau auflistete, wie viele Patienten in den zurückliegenden Jahren mit welchem Aufwand behandelt worden waren, und indem er die durchaus anrührenden Schicksale der tobenden, halluzinierenden oder apathischen Kranken vorstellte, warb der Arzt Heinrich Hoffmann um etwas, das er immer als sein Lebenswerk betrachten sollte, „Struwwelpeter“ hin oder her: den Neubau der Frankfurter psychiatrischen Klinik nach den Maßstäben seiner Zeit. Dass es tatsächlich dazu kam und sie vor 150 Jahren, im Sommer 1864, von 101 Patienten bezogen werden konnte, war im Wesentlichen Hoffmanns Verdienst.

          Wie kam es dazu? Hoffmann, der 1809 als Sohn eines Frankfurter Architekten geboren wurde, brachte dafür exzellente Voraussetzungen mit, vielleicht gerade weil er in seinem Werdegang das Ziel, Direktor einer psychiatrischen Klinik zu werden, offenbar erst recht spät, womöglich sogar eher zufällig entwickelte. „Mangelnde Ausdauer, aber hohe Genußfreude“ bescheinigt sich Hoffmann rückblickend selbst, „geschwätzig“ und „oft mit Nebendingen beschäftigt,“ so urteilen seine Lehrer. Positiv gewendet, könnte man Hoffmann aber auch „vielseitig interessiert“ und „gesellig“ nennen, und seine Aktivitäten in Frankfurt nach dem in Heidelberg, Halle und schließlich Paris absolvierten Medizinstudium untermauern diesen Befund.

          Hoffmann war ein Arzt für die Armen

          Der junge Mann, der in Halle mit einer Arbeit zu einer seltenen Wochenbettkrankheit promoviert und Ende 1834 feierlich in die Frankfurter Ärzteschaft aufgenommen worden war - seine praktische Prüfung bestand in der Begleitung einer glücklich verlaufenen Geburt –, eröffnete seine erste Praxis in Räumen des Gasthofs „Zum Tannenbaum“ in der Elisabethenstraße und übernahm zusätzlich die Aufsicht im Leichenschauhaus im Stadtteil Sachsenhausen. Diese Einrichtung war die Antwort auf die im neunzehnten Jahrhundert weitverbreitete Angst, lebendig begraben zu werden. Deshalb wurden in Frankfurt und andernorts spezielle Häuser eingerichtet, in denen die für tot Erklärten aufgebahrt und drei Tage lang beobachtet wurden, ob sie nicht vielleicht doch ein Lebenszeichen von sich gäben.

          Im Hintergrund ein Kinderskelett: Heinrich Hoffmann (1809 bis 1894) im Jahr 1852.
          Im Hintergrund ein Kinderskelett: Heinrich Hoffmann (1809 bis 1894) im Jahr 1852. : Bild: Repros

          Hoffmann arbeitete als Armenarzt im Dorf Bornheim und gemeinsam mit Kollegen in einer Armenklinik im Zentrum Frankfurts, von 1845 an gab er Anatomiekurse am Senckenberg-Institut. Und er engagierte sich in zahlreichen Vereinen, bei der Organisation des ersten „Deutschen Sängerfests“ ebenso wie in den künstlerischen Zirkeln „Tutti Frutti“ (wo er den Vereinsnamen „Zwiebel“ führte, seinen „Struwwelpeter“ erstmals öffentlich vorlas und sofort einen Verleger für das Kinderbuch fand) oder den „Katakomben“. Seine Tätigkeit als gewählter Administrator am Städelschen Kunstinstitut führte 1843 mittelbar zum Rücktritt des seit 1830 amtierenden Galeriedirektors, des Malers Philipp Veit.

          Großzügiger Neubau im Grünen

          All dies machte Hoffmann, der seine ästhetischen und politischen Positionen zwar entschieden vertrat, aber nie radikale Standpunkte einnahm, zu einem bekannten und geachteten Mitglied der Frankfurter Gesellschaft. Beruflich wird ihm das genutzt haben: 1851 wurde der Familienvater schließlich nach langen Jahren ohne Absicherung endlich zum festangestellten Arzt an der „Anstalt für Irre und Epileptische“ berufen.

          Dies war für beide Seiten ein Wagnis, schließlich hatte Hoffmann, wie er freimütig einräumte, weder diese noch irgendeine andere Klinik für psychisch Kranke jemals betreten. Und er schreibt im Rückblick, dass er es sogar zur Bedingung seiner Einstellung gemacht habe, dass die enge, in ihren inneren Einrichtungen längst überholte Klinik mitten in der Stadt durch einen großzügigen Neubau im Grünen ersetzt werde.

          An Hoffmanns Willen, sich dieser Aufgabe zu unterziehen, ist nicht zu zweifeln. In den ersten beiden Jahren seit seiner Anstellung unternahm er in den Ferien ausgedehnte Reisen zu einschlägigen Anstalten in Süd- und Westdeutschland, nach Österreich und Sachsen, besah Neubauten und befragte die leitenden Ärzte. Als die Pläne konkreter wurden, war Hoffmann mit Oskar Pichler, den man als Architekt für den Neubau vorgesehen hatte, monatelang unterwegs, unter anderem in England und Frankreich.

          Eine besondere Rolle scheint dabei die Anstalt im badischen Illenau gespielt zu haben, deren „Konzept der relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalt“, schreibt die Kasseler Historikerin Christina Vanja, „seit den 1840er Jahren fast alle Neugründungen“ folgten: „Das ältere Konzept völlig voneinander getrennter Heil- und Pflegeanstalten spielte für Hoffmann somit keine Rolle mehr. Auffallend ist allerdings, dass Hoffmann die schematische Untergliederung nach ,Heilbaren‘ und ,Unheilbaren‘“ – die in Illenau noch bestand – „für seine Einrichtung unterließ.“

          „Der Wahnsinnige im Irrenhaus“

          Dass Hoffmann seine Vorstellungen überhaupt umsetzen konnte, verdankt er seinen vielfältigen Kontakten, unter anderem zu äußerst vermögenden Mäzenen, und seinem Eifer, mit dem er publizistisch auf die öffentliche Meinung Frankfurts Einfluss nahm. In Aufsätzen und Artikeln stellte er einerseits die unhaltbaren Zustände in der alten Anstalt dar und appellierte gleichzeitig an das Pflichtgefühl der Bürger, für diejenigen zu sorgen, die das nicht aus eigenen Kräften könnten.

          Sein Gedicht „Der Wahnsinnige im Irrenhaus“ endet mit der direkten Ansprache an die geistig Gesunden, die sich hingebungsvoll der Verschönerung von Grabmonumenten widmeten und darüber diejenigen missachteten, die – als Wahnsinnige – metaphorisch gleichzeitig tot und noch am Leben seien. Denn der Anstaltsinsasse dieses Gedichts beklagt seine Isolation, die dem Ort geschuldet sei, an dem er mehr schlecht als recht untergebracht wurde: „Auch ich hab Freunde, die es redlich meinen, / Doch scheucht von dieser Stätte sie die Scheu; / Sie werden mich beklagen, mich beweinen, / Vergessen dann; es endet hier die Treu’.“

          Johann Adam S., Patient in der Frankfurter Anstalt
          Johann Adam S., Patient in der Frankfurter Anstalt : Bild: Repros

          Besondere Anforderungen der damaligen Zeit

          Seit 1859 entstand schließlich nordwestlich der Stadt auf dem sogenannten „Affensteiner Feld“ ein derart großzügig dimensioniertes Gebäude, dass es damals das größte Bauwerk Frankfurts war, so dass Hoffmann in einer eigenen Schrift darlegen musste, warum seine Anstalt diesen Raum benötige. Er legte häufiger schriftlich Rechenschaft über seine Arbeit ab, etwa in einem Aufsatz von 1883. Neunzehn Jahre nach dem Bezug des Neubaus, in dem auch er mit seiner Familie wohnte und den er damit zu einem Ort für die vornehme Frankfurter Gesellschaft machte, verzeichnete er eine starke Zunahme der Patientenzahlen, so dass die Klinik schon wieder überbelegt sei.

          Hoffmann führt das unter anderem auf die besonderen Anforderungen seiner Zeit zurück: „Die Menschheit der Gegenwart ist eine vorzugsweise nervöse gewordene, eine zu nervösen Erkrankungen steigend disponierte.“ Das sei auch nicht weiter erstaunlich, „denn wenn man jetzt das Gehirn von früher Jugend an weit mehr anstrengt und weit mehr Gehirnarbeit verlangt als vor 30 bis 40 Jahren, so ist es folgerecht, dass mit dem Gebrauch der Missbrauch, mit der Ermüdung die Übermüdung und so die Erkrankung des Gehirns häufiger vorkommen muss als sonst.“

          Bei der Behandlung der Patienten setzte Hoffmann auf Beschäftigung der Kranken, etwa in den Gärten der Anstalt, und auf Therapieinstrumente wie kalte Duschen oder das Anlegen einer Zwangsjacke, die, so schreibt der Historiker Jan Willem Huntebrinker, nur schwer von Disziplinarmaßnahmen zu unterscheiden waren. Aus gutem Grund: „Letztlich sind Strafen und Belohnungen im zeitgenössischen Psychiatrieverständnis auch als Teil der Therapie zu verstehen, da das Ziel der Behandlung eine Erziehung zu einem konformen Verhalten im Sinne einer geordneten, bürgerlichen Lebensführung war.“

          Diagnose Morbus Alzheimer im Jahr 1905

          Der Neubau auf dem „Affenstein“ hat seinen Begründer Hoffmann überlebt. Unter dessen Nachfolger Emil Sioli wurden bauliche Veränderungen durchgeführt, die Einzelzellen ebenso abgeschafft wie die Zwangsjacken und neue Abteilungen eingerichtet, in denen etwa Kinder und Jugendliche oder Alkoholkranke jeweils von den anderen Patienten getrennt wurden. Und auch das Konzept, gleichzeitig Pflegeheim wie Krankenhaus zu sein, wurde später mit dem Neubau spezieller Pflegeeinrichtungen außerhalb Frankfurts modifiziert.

          Lange nach Hoffmanns Zeit wurde am 25. November 1901 die einundfünfzigjährige Auguste Deter in die Anstalt eingeliefert und von einem Assistenzarzt befragt. Die Begegnung mit der verwirrten Frau sollte in die Medizingeschichte eingehen: Auguste Deters unzusammenhängende Antworten auf seine Fragen erinnerten den Arzt an die Erscheinungen von Altersdemenz, aber dafür war die Patientin eigentlich zu jung. Als Deter viereinhalb Jahre darauf in der Anstalt starb, untersuchte der Arzt, der mittlerweile in München arbeitete, das Gehirn der Toten. Er stellte ungewöhnliche Eiweißablagerungen fest und gab der erstmals diagnostizierten Krankheit seinen Namen: Morbus Alzheimer.

          1928 wurde das Gebäude abgerissen und der Klinikbetrieb nach Niederrad auf die südliche Mainseite verlegt. Auf dem Gelände des Affensteiner Felds errichtete der Architekt Hans Poelzig die Zentrale der IG Farben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude Hauptquartier der amerikanischen Truppen. Nach deren Abzug wird es von der Johann Wolfgang Goethe-Universität genutzt. Wo einst Geisteskranke geheilt oder verwahrt wurden, werden heute Forscher ausgebildet, von denen einige im dort angesiedelten Institut für Jugendbuchforschung arbeiten. Und vielleicht sogar Seminararbeiten über Hoffmanns „Struwwelpeter“ verfassen.

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