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Erste psychiatrische Klinik : Die Anstalt auf dem Affenstein

Johann Adam S., Patient in der Frankfurter Anstalt
Johann Adam S., Patient in der Frankfurter Anstalt : Bild: Repros

Besondere Anforderungen der damaligen Zeit

Seit 1859 entstand schließlich nordwestlich der Stadt auf dem sogenannten „Affensteiner Feld“ ein derart großzügig dimensioniertes Gebäude, dass es damals das größte Bauwerk Frankfurts war, so dass Hoffmann in einer eigenen Schrift darlegen musste, warum seine Anstalt diesen Raum benötige. Er legte häufiger schriftlich Rechenschaft über seine Arbeit ab, etwa in einem Aufsatz von 1883. Neunzehn Jahre nach dem Bezug des Neubaus, in dem auch er mit seiner Familie wohnte und den er damit zu einem Ort für die vornehme Frankfurter Gesellschaft machte, verzeichnete er eine starke Zunahme der Patientenzahlen, so dass die Klinik schon wieder überbelegt sei.

Hoffmann führt das unter anderem auf die besonderen Anforderungen seiner Zeit zurück: „Die Menschheit der Gegenwart ist eine vorzugsweise nervöse gewordene, eine zu nervösen Erkrankungen steigend disponierte.“ Das sei auch nicht weiter erstaunlich, „denn wenn man jetzt das Gehirn von früher Jugend an weit mehr anstrengt und weit mehr Gehirnarbeit verlangt als vor 30 bis 40 Jahren, so ist es folgerecht, dass mit dem Gebrauch der Missbrauch, mit der Ermüdung die Übermüdung und so die Erkrankung des Gehirns häufiger vorkommen muss als sonst.“

Bei der Behandlung der Patienten setzte Hoffmann auf Beschäftigung der Kranken, etwa in den Gärten der Anstalt, und auf Therapieinstrumente wie kalte Duschen oder das Anlegen einer Zwangsjacke, die, so schreibt der Historiker Jan Willem Huntebrinker, nur schwer von Disziplinarmaßnahmen zu unterscheiden waren. Aus gutem Grund: „Letztlich sind Strafen und Belohnungen im zeitgenössischen Psychiatrieverständnis auch als Teil der Therapie zu verstehen, da das Ziel der Behandlung eine Erziehung zu einem konformen Verhalten im Sinne einer geordneten, bürgerlichen Lebensführung war.“

Diagnose Morbus Alzheimer im Jahr 1905

Der Neubau auf dem „Affenstein“ hat seinen Begründer Hoffmann überlebt. Unter dessen Nachfolger Emil Sioli wurden bauliche Veränderungen durchgeführt, die Einzelzellen ebenso abgeschafft wie die Zwangsjacken und neue Abteilungen eingerichtet, in denen etwa Kinder und Jugendliche oder Alkoholkranke jeweils von den anderen Patienten getrennt wurden. Und auch das Konzept, gleichzeitig Pflegeheim wie Krankenhaus zu sein, wurde später mit dem Neubau spezieller Pflegeeinrichtungen außerhalb Frankfurts modifiziert.

Lange nach Hoffmanns Zeit wurde am 25. November 1901 die einundfünfzigjährige Auguste Deter in die Anstalt eingeliefert und von einem Assistenzarzt befragt. Die Begegnung mit der verwirrten Frau sollte in die Medizingeschichte eingehen: Auguste Deters unzusammenhängende Antworten auf seine Fragen erinnerten den Arzt an die Erscheinungen von Altersdemenz, aber dafür war die Patientin eigentlich zu jung. Als Deter viereinhalb Jahre darauf in der Anstalt starb, untersuchte der Arzt, der mittlerweile in München arbeitete, das Gehirn der Toten. Er stellte ungewöhnliche Eiweißablagerungen fest und gab der erstmals diagnostizierten Krankheit seinen Namen: Morbus Alzheimer.

1928 wurde das Gebäude abgerissen und der Klinikbetrieb nach Niederrad auf die südliche Mainseite verlegt. Auf dem Gelände des Affensteiner Felds errichtete der Architekt Hans Poelzig die Zentrale der IG Farben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude Hauptquartier der amerikanischen Truppen. Nach deren Abzug wird es von der Johann Wolfgang Goethe-Universität genutzt. Wo einst Geisteskranke geheilt oder verwahrt wurden, werden heute Forscher ausgebildet, von denen einige im dort angesiedelten Institut für Jugendbuchforschung arbeiten. Und vielleicht sogar Seminararbeiten über Hoffmanns „Struwwelpeter“ verfassen.

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