https://www.faz.net/-gx3-7sk5l

Erste psychiatrische Klinik : Die Anstalt auf dem Affenstein

Im Hintergrund ein Kinderskelett: Heinrich Hoffmann (1809 bis 1894) im Jahr 1852.
Im Hintergrund ein Kinderskelett: Heinrich Hoffmann (1809 bis 1894) im Jahr 1852. : Bild: Repros

Hoffmann arbeitete als Armenarzt im Dorf Bornheim und gemeinsam mit Kollegen in einer Armenklinik im Zentrum Frankfurts, von 1845 an gab er Anatomiekurse am Senckenberg-Institut. Und er engagierte sich in zahlreichen Vereinen, bei der Organisation des ersten „Deutschen Sängerfests“ ebenso wie in den künstlerischen Zirkeln „Tutti Frutti“ (wo er den Vereinsnamen „Zwiebel“ führte, seinen „Struwwelpeter“ erstmals öffentlich vorlas und sofort einen Verleger für das Kinderbuch fand) oder den „Katakomben“. Seine Tätigkeit als gewählter Administrator am Städelschen Kunstinstitut führte 1843 mittelbar zum Rücktritt des seit 1830 amtierenden Galeriedirektors, des Malers Philipp Veit.

Großzügiger Neubau im Grünen

All dies machte Hoffmann, der seine ästhetischen und politischen Positionen zwar entschieden vertrat, aber nie radikale Standpunkte einnahm, zu einem bekannten und geachteten Mitglied der Frankfurter Gesellschaft. Beruflich wird ihm das genutzt haben: 1851 wurde der Familienvater schließlich nach langen Jahren ohne Absicherung endlich zum festangestellten Arzt an der „Anstalt für Irre und Epileptische“ berufen.

Dies war für beide Seiten ein Wagnis, schließlich hatte Hoffmann, wie er freimütig einräumte, weder diese noch irgendeine andere Klinik für psychisch Kranke jemals betreten. Und er schreibt im Rückblick, dass er es sogar zur Bedingung seiner Einstellung gemacht habe, dass die enge, in ihren inneren Einrichtungen längst überholte Klinik mitten in der Stadt durch einen großzügigen Neubau im Grünen ersetzt werde.

An Hoffmanns Willen, sich dieser Aufgabe zu unterziehen, ist nicht zu zweifeln. In den ersten beiden Jahren seit seiner Anstellung unternahm er in den Ferien ausgedehnte Reisen zu einschlägigen Anstalten in Süd- und Westdeutschland, nach Österreich und Sachsen, besah Neubauten und befragte die leitenden Ärzte. Als die Pläne konkreter wurden, war Hoffmann mit Oskar Pichler, den man als Architekt für den Neubau vorgesehen hatte, monatelang unterwegs, unter anderem in England und Frankreich.

Eine besondere Rolle scheint dabei die Anstalt im badischen Illenau gespielt zu haben, deren „Konzept der relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalt“, schreibt die Kasseler Historikerin Christina Vanja, „seit den 1840er Jahren fast alle Neugründungen“ folgten: „Das ältere Konzept völlig voneinander getrennter Heil- und Pflegeanstalten spielte für Hoffmann somit keine Rolle mehr. Auffallend ist allerdings, dass Hoffmann die schematische Untergliederung nach ,Heilbaren‘ und ,Unheilbaren‘“ – die in Illenau noch bestand – „für seine Einrichtung unterließ.“

„Der Wahnsinnige im Irrenhaus“

Dass Hoffmann seine Vorstellungen überhaupt umsetzen konnte, verdankt er seinen vielfältigen Kontakten, unter anderem zu äußerst vermögenden Mäzenen, und seinem Eifer, mit dem er publizistisch auf die öffentliche Meinung Frankfurts Einfluss nahm. In Aufsätzen und Artikeln stellte er einerseits die unhaltbaren Zustände in der alten Anstalt dar und appellierte gleichzeitig an das Pflichtgefühl der Bürger, für diejenigen zu sorgen, die das nicht aus eigenen Kräften könnten.

Sein Gedicht „Der Wahnsinnige im Irrenhaus“ endet mit der direkten Ansprache an die geistig Gesunden, die sich hingebungsvoll der Verschönerung von Grabmonumenten widmeten und darüber diejenigen missachteten, die – als Wahnsinnige – metaphorisch gleichzeitig tot und noch am Leben seien. Denn der Anstaltsinsasse dieses Gedichts beklagt seine Isolation, die dem Ort geschuldet sei, an dem er mehr schlecht als recht untergebracht wurde: „Auch ich hab Freunde, die es redlich meinen, / Doch scheucht von dieser Stätte sie die Scheu; / Sie werden mich beklagen, mich beweinen, / Vergessen dann; es endet hier die Treu’.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Airbus der Lufthansa landet im November 2020 auf dem Berliner Flughafen Tegel.

Klimaschutz : Rettet die Inlandsflüge

Ein Verbot von Inlandsflügen, wie es zuletzt in Frankreich beschlossen wurde, ist der falsche Weg zum Klimaschutz. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten.
Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.
Am 18. Juni in Teheran: Ebrahim Raissi winkt den Medien zu, nachdem er seine Stimme in einem Wahllokal abgegeben hat. Die Wahl gewann er.

Irans neuer Präsident : Schlächter und Schneeflocke

Nächste Woche tritt Ebrahim Raissi sein Amt als iranischer Präsident an. Mit ihm zerbricht der Mythos vom reformfähigen Regime. Weiß der Westen, mit wem er es zu tun bekommt? Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.