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Psychiatrie : Seelenheiler in Startlöchern

Der Sport enthält ungewohnte Perspektiven, die zunehmend fachpsychologisch durchdrungen werden Bild: dpa

Psychische Störungen sind medizinischer Alltag geworden. Eine besondere Eigendynamik entwickelt die Sportpsychiatrie: Hier zeigt sich, wie die neuen Psychiater mitmischen wollen - mustergültig für die zeitgenössische Stoßrichtung.

          Die Psychiatrie hat sich wohl endgültig in der Mitte der Gesellschaft verankert. Das muss allerdings nichts Gutes bedeuten. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) jedenfalls, die vor wenigen Tagen auf ihrem Jahreskongress ein besonders eindrucksvolles Zeugnis der eigenen Veränderung geliefert hat, indem sie radikal mit ihrer Nazivergangenheit abgerechnet hat, arbeitete in den vergangenen Jahren konsequent auf dieses Ziel zu.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Sie hat sich vom „Bild der Landesklapse“ , wie es ihr Präsident Frank Schneider aus Aachen formulierte, radikal verabschiedet und das Seelenheil gewissermaßen alltagstauglich gemacht. Allein die enorme Steigerung der Teilnehmerzahl - an die zehntausend waren nach Berlin gekommen - gab einen Eindruck von der Breitenwirkung psychiatrischer Themen.

          Viele Menschen freilich beklagen inzwischen die zunehmende „Psychologisierung“ der Gesellschaft, und immer mehr rügen - wenn es etwa um das stimulierende „Hirndoping“ oder die Kinderpsychiatrie geht - einen immer leichtfertigeren Umgang mit Psychopillen. In Berlin waren gerade diese umstrittenen, modernen Themen der Renner: Die Vortragssäle waren brechend voll, selbst vor den Videomonitoren außerhalb der Räume drängten sich die - vorwiegend jungen - Mediziner und Psychotherapeuten.

          Sportpsychiatrie entwickelt besondere Eigendynamik

          Auf besonders großes Interesse stieß dabei auch ein Thema, das geradezu mustergültig die zeitgenössische Stoßrichtung der Psychiatrie veranschaulicht: die Sportpsychiatrie. Es entwickelt inzwischen eine besondere Eigendynamik.

          In den Vereinigten Staaten wird die Sportpsychiatrie seit zwei Jahrzehnten aufgebaut, berichtete Ira Glick von der Stanford University School - mit dem Ergebnis, dass mittlerweile in jeder nationalen Liga der Berufssportarten ein medizinischer Experte - meistens ein Psychiater - vorgeschrieben sei. Dabei geht es nicht nur um die mentale Aufbauarbeit an Spitzensportlern oder solchen mit schweren Depressionen, sondern zunehmend auch um die Folgen von Arzneimissbrauch, Doping und Essstörungen. Die „Anorexia-Athleten“, magersüchtige Sportler in Ausdauersportarten, Eislaufen oder Sportgymnastik, gehörten jenseits der Orthopädie zur wichtigsten „Klientel“ von Ärzten und Seelsorgern.

          In der deutschen Sportlandschaft gibt es zwar seit einiger Zeit eine „Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie“, wie Manfred Wegner von der Universität Kiel berichtete. Aber hier geht es vor allem um die Zusammenarbeit mit Vereinen zur primären Vorsorge. Um künftig noch unmittelbarer an der Betreuung und Behandlung von Sportlern mit schweren seelischen Störungen mitzuwirken, hat die DGPPN inzwischen ein spezielles Fachreferat mit nun schon vierzig Psychiatern gegründet.

          „Die Selektionsthese ist nicht mehr haltbar“

          Die Vorstellung, dass im Sport nur mental starke Persönlichkeiten mit besonderen Nehmerqualitäten und Verdrängungstalenten Fuß fassen, habe sich als falsch erwiesen, sagte der Kölner Psychiater und ehemalige Handballer Valentin Markser: „Die Selektionsthese ist nicht mehr haltbar.“ Klar sei vielmehr: Psychische Störungen sind im Sport nicht seltener, sondern wegen des Leistungsdrucks, der Verletzungsgefahr und des Medikamentengebrauchs wahrscheinlich sogar häufiger. Wie häufig, konnte allerdings niemand in Berlin sagen. Verlässliche Statistiken gibt es bisher nicht.

          Der prominente Sportmediziner Heinz Liesen, langjähriger Fußballarzt unter Franz Beckenbauer, warb für eine Sportpsychiatrie, die den Hochleistungsathleten nicht nur psychotherapeutisch betreut, wie sich das etwa in der Fußball-Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann bewährte. Nein, der Athlet müsse insgesamt gesehen werden als „psycho-neuro-endokrinologisch hoch trainierten sensiblen Menschen, der Millionen von Sinnesorganen entwickelt und zu koordinieren hat“. Es helfe nichts, wie in der Vergangenheit nur den sogenannten Laktat-Wert als Maßzahl für Überforderung zu messen, vielmehr sollten Übungspläne auf Grundlage der modernen Hirnforschung - zum Beispiel Spaßtraining zur Aufhebung einer „Dopamin-Blockade“ - entwickelt werden.

          Während sich die Psychiatrie im Spitzensport also vor allem um die Störungen kümmern will, sieht sie im Breitensport eine große Chance sowohl in der Prävention als auch in der Therapie. Zunutze macht man sich dabei, dass Sport nachweislich antidepressiv und angstlösend wirkt. Frank Gerald Pajonk von der Kurt-Fontheim-Klinik Liebenburg berichtete von einer Studie, wonach das Nervenzellwachstum im Gedächntiszentrum schon nach drei Monaten moderatem Sport extrem angeregt wurde: Um zwölf Prozent soll das Hippocampus-Volumen bei Schizophrenien zugenommen haben, bei Gesunden sogar um 19 Prozent. Der Sportpsychiater als Seelencoach und Motivator mit Breitenwirkung? Spätestens seit der Tagung in Berlin sieht man die Psychiatrie in den Startlöchern der neuen Zeit.

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