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Pränatalmedizin : Ein fragwürdiger Kompromiss für Mütter

  • -Aktualisiert am

Untersuchung mittels Ultraschall in einem bayerischen Krankenhaus Bild: dpa

Von Juli an erhalten alle Schwangeren in Deutschland ein neues Vorsorge-Angebot: eine erweiterte Ultraschalluntersuchung. Experten halten die neue Kassenleistung für eine Mogelpackung.

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          Es ist die größte Veränderung in der Schwangerenvorsorge seit fast dreißig Jahren: Von der kommenden Woche an erhalten alle werdenden Mütter in den deutschen Frauenarztpraxen ein Aufklärungsblatt, mit dem ihnen eine erweiterte Ultraschalluntersuchung angeboten wird - eine neue Kassenleistung, die jeder Schwangeren zusteht. Erstmals seit 1985, als die sogenannten Mutterschaftsrichtlinien in Kraft traten, wird damit ein derart umfänglicher neuer Baustein in das Ultraschallscreening für schwangere Frauen aufgenommen. Hatte man bisher weiträumig um das Thema Fehlbildungen herumlaviert, soll nun bei Ungeborenen, deren Mütter das Angebot annehmen wollen, die Form der Hirnkammern beurteilt, nach Kleinhirn, Magen und Blase gesucht und ein Blick auf alle vier Kammern des Herzens geworfen werden.

          Bisher waren diese Kontrollen keineswegs selbstverständlich, ja, sie waren nicht einmal vorgeschrieben. Gynäkologen mussten bisher drei Ultraschalluntersuchungen anbieten, um die zehnte, zwanzigste und dreißigste Woche. Um die zwanzigste Woche wurden nur Kopf, Bauch, Brust sowie Oberschenkel oder Oberarm des Fötus vermessen und einige Hinweiszeichen begutachtet, etwa die Fruchtwassermenge und die Bewegungen des Fötus. Hinsichtlich des Herzens beispielsweise wurde nur kontrolliert, ob es überhaupt schlägt.

          Andere Regelungen in Nachbarländern

          „Man wollte in Deutschland bewusst kein Fehlbildungsscreening, auch aufgrund der Debatte um ethische Aspekte“, sagt Ulrich Gembruch, Direktor der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Uniklinikum Bonn. „Dahinter stand die Vorstellung, dass Fehlbildungsultraschall eine Selektion darstellt.“ Stattdessen hoffte man lange, dass durch Hinweiszeichen, etwa zu wenig Fruchtwasser, eine abweichende Entwicklung augenfällig werden und die Schwangere dann überwiesen würde - und zwar vom Frauenarzt zum Pränatalmediziner. Diese Spezialisten haben nach der Facharztprüfung zum Gynäkologen noch andere Weiterbildungsschritte durchlaufen, etwa jahrelang in einem Pränatalzentrum auffällige Schwangerschaften „geschallt“ und Zertifizierungen der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (Degum) erworben. Findet allerdings der Frauenarzt bei einer Schwangeren keine Auffälligkeiten und will sie trotzdem mehr über ihr ungeborenes Kind wissen, muss sie die Untersuchung bei einem Pränatalmediziner selbst bezahlen. Der Check, bei dem der Fötus, meist um die zwanzigste Woche, rundum untersucht wird, kostet zwischen 200 und 400 Euro. Nur hier werden Herz und Organe genauer angesehen, die Finger gezählt, wird geprüft, ob alle Gliedmaßen vorhanden sind.

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