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Präimplantationsdiagnostik : Die Qual der Wahl

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Juristen halten die Selektion von Embryonen bei schweren Erbkrankheiten für zulässig. Das führt auf eine abschüssige Bahn, fürchten Gegner. Doch es gibt noch ganz andere Probleme.

          11 Min.

          Wie viel Leid darf sein? Und wie viel Selektion? Die Präimplantationsdiagnostik (PID) wirft nahezu unlösbare Fragen auf. Das liegt im Wesen dieser Technik: Den Wunsch nach gesunden Kindern kann sie nur durch das Aussortieren kranker Embryonen erfüllen. Wer aber soll entscheiden, wie schwer eine Krankheit sein muss, damit eine PID erlaubt ist? Eltern? Ärzte? Ethikkommissionen?

          Der Bundesgerichtshof hat in seinem jüngsten Urteil ausdrücklich betont, dass er genetische Tests an künstlich befruchteten Eizellen nur dann für legitim hält, wenn die Geburt eines schwerkranken Kindes „hochwahrscheinlich“ sei. Wann aber liegt bei einem Embryo ein „schwerwiegender genetischer Schaden“ vor? Und wann geht es nur darum, unerwünschte, doch nicht ernsthaft belastende Erbanlagen auszuschließen?

          Wann soll die Selektion erlaubt sein?

          Seit Erfindung der PID gehen die Meinungen weit auseinander, wenn es darum geht, wann eine Selektion im Labor erlaubt sein soll. In den Vereinigten Staaten beispielsweise können zahlungskräftige Eltern sogar das Geschlecht ihrer Kinder wählen, im Sinne eines „family balancing“.

          In Großbritannien dürfen Fortpflanzungsmediziner Embryonen aussortieren, wenn eine erbliche Wahrscheinlichkeit von siebzig Prozent besteht, später im Leben an Brustkrebs zu erkranken. Das gilt auch für erblich bedingten Alzheimer, an dem die Betroffenen möglicherweise erst im fünften Lebensjahrzehnt erkranken.

          Wer aber kann heute schon wissen, ob die Diagnose dann noch ein medizinischer Fluch ist? Bis dahin könnte schließlich eine wirksame Behandlungsmethode gefunden worden sein.

          250.000 Euro im Jahr, ein Leben lang

          Gerade Erbkrankheiten, die behandelbar sind, bieten eine Art Lackmustest dafür, ob die Präimplantationsdiagnose auf ein abschüssiges Gleis führt, wie ihre Gegner befürchten. In Israel wurde kürzlich eine PID durchgeführt, um bei den Nachkommen eines Elternpaares einen genetischen Defekt auszuschließen, der sich einigermaßen zuverlässig durch Medikamente bekämpfen lässt. Es ging um Morbus Gaucher.

          Seit etlichen Jahren lässt sich diese seltene Stoffwechselstörung in Schach halten. Nur ist das entsprechende Medikament sündhaft teuer; bei einem Erwachsenen kommen schnell 250.000 Euro im Jahr zusammen, und zwar sein ganzes Leben lang.

          Morbus-Gaucher-Patienten mangelt es in unterschiedlichem Ausmaß an Glukozerebrosidase, einem wichtigen Enzym für den Abbau von Zellwandbestandteilen roter Blutkörperchen. Fehlt das Enzym aufgrund eines genetischen Webfehlers vollständig, führt das schon kurz nach der Geburt zu geistiger Behinderung und meist frühem Tod (Morbus Gaucher Typ 2).

          Jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt

          Häufiger tritt die Krankheit in einer milderen Form auf (Typ 1): Betroffene erleben zunächst nur Phasen der Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Später kommen Entzündungen an Milz, Leber und Lunge sowie Knochenschmerzen und -brüche hinzu, schließlich auch Krebs. Wegen der anfangs diffusen Symptome erleben die Patienten oft eine jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt, bis die Diagnose feststeht.

          Einziger Anbieter eines wirksamen Medikaments gegen Morbus Gaucher war lange die in Boston ansässige Biotech-Firma Genzyme. In den neunziger Jahren musste sie das fehlende Enzym noch aus menschlichen Plazentas gewinnen. Pro Patient und Jahr wurden dafür 22.000 Stück benötigt.

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