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Präeklampsie : Ein Eiweiß vergiftet Schwangere

  • -Aktualisiert am

Mit einem Maßband misst eine Hebamme den Umfang des Bauch einer Schwangeren Bild: Klein, Nora

Fälle von Präeklampsie, auch als „Schwangerschaftsvergiftung“ geläufig, nehmen zu. Nun finden Forscher ein Signaleiweiß, das offenbar erhebliche Risiken für Mutter und Kind anzeigt.

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          Die Präeklampsie, auch unter dem Begriff „Schwangerschaftsvergiftung“ bekannt, ist eine gleichermaßen bedrohliche wie rätselhafte Erkrankung. Trotz intensiver Ursachensuche konnten die Forscher bis heute nicht in Erfahrung bringen, wie das mit hohem Blutdruck, Nierenschäden und fetalen Entwicklungsstörungen einhergehende Leiden genau entsteht. Für mehr Klarheit sorgen nun die Ergebnisse amerikanischer und chinesischer Wissenschaftler um Yang Xia von der Abteilung für Biochemie und Molekularbiologie der University of Texas Medical School in Houston. Maßgeblich beteiligt an der Ausbildung einer Schwangerschaftsvergiftung ist demnach ein Signaleiweiß mit dem trügerischen Namen „Light“, das auch bei einigen entzündlichen und autoimmunen Krankheiten, etwa der Arteriosklerose und dem Gelenkrheuma, mit im Spiel sein soll.

          Erhebliche Risiken

          Hergestellt unter anderem in der Plazenta, kommt der Botenstoff hier insbesondere in den Gefäßwänden und dem embryonalen Anteil des Fruchtkuchens vor. Welche Aufgaben er in der Plazenta normalerweise übernimmt, ist bislang ungewiss. In übermäßigen Mengen birgt er für die Mutter und ihre Leibesfrucht aber offenbar erhebliche Risiken. Hinweise darauf liefern zumindest die bei Menschen und Mäusen gewonnenen Erkenntnisse des amerikanisch-chinesischen Forscherteams.

          Erstmals Verdacht schöpften Xia und seine Kollegen, als sie bei Frauen mit Präeklampsie fast vierzigmal so viel Light im Blut entdeckten wie bei gesunden Schwangeren. Woher die Unmengen des Botenstoffs im Blut der Patientinnen genau stammten, geht aus ihren Untersuchungen nicht hervor. Eine mögliche Quelle scheint gleichwohl die Plazenta zu sein, zumal die Produktion des verdächtigen Eiweißstoffs hier auf Hochtouren lief. Auffallend war zudem, dass das Blut der an Präeklampsie erkrankten Frauen auch ungewöhnlich geringe Konzentrationen eines natürlichen Gegenspielers von Light enthielt – und des frei zirkulierenden Rezeptors DcR3. In weiteren Experimenten gingen die Wissenschafter dann der Frage nach, ob Light die Ausbildung einer Schwangerschaftsvergiftung selbst in die Wege leitet oder lediglich begleitet. Hierzu verabreichten sie trächtigen Mäuseweibchen das Signaleiweiß in einer Menge, die dessen Blutgehalt auf die bei Patientinnen mit Präeklampsie gefundenen Werte erhöhte.

          Der Blutdruck stieg an

          Wie die Wissenschaftler im Fachjournal „Hypertension“ (doi:10.1161/HYPERENTIONAHA.113.02458) berichten, stieg der Blutdruck der Nager daraufhin merklich an und ihre Nierenfunktion nahm ab, was sich unter anderem in einer vermehrten Eiweißausscheidung im Urin äußerte. Fünf Tage nach der Niederkunft verschwanden die Krankheitszeichen dann größtenteils wieder – ein Phänomen, das man auch bei Frauen mit Präeklampsie beobachtet. Was den Einfluss von Light auf die Plazenta betrifft, rief das Signalprotein hier ausgeprägte Wachstumsstörungen und Zellschäden hervor. Entsprechend unterentwickelt waren die darin herangewachsenen Mäusewelpen.

          In einem nächsten Schritt versuchten die Forscher zu klären, ob sich die unheilvollen Wirkungen von Light abwenden lassen, wenn man den Signalstoff daran hindert, seine zellulären Kommunikationsschalter anzuknipsen. Als Mittel zum Zweck dienten Antikörper, die dieselben zellulären Haftstellen besetzen wie das ins Visier genommene Signaleiweiß und somit dafür sorgen, dass sich der Botenstoff kein Gehör verschaffen kann. Wie sich zeigte, waren die Antikörper tatsächlich in der Lage, die schädlichen Effekte von Light auf den Blutdruck, die Nierenfunktion und die Entwicklung der Plazenta nachhaltig zu unterdrücken. Die mit den Antikörpern versorgten Mäuseweibchen und deren Brut blieben folglich weitgehend gesund. Wie die Autoren spekulieren, lassen sich solche Antikörper möglicherweise auch medizinisch nutzen. Zu hoffen bleibt, dass sie recht behalten. Denn die derzeit verfügbaren Mittel zeigen vielfach nicht den erwünschten Erfolg. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung ist eine sofortige Entbindung bislang die einzige Option, um die Mutter und ihr Kind vor schweren, mitunter tödlichen Folgen zu bewahren.

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