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Popularität der Kügelchen : Das Geschwür Homöopathie

  • -Aktualisiert am

Wunderkugel: Am Sinn der Homöopathie hegen die Skeptiker große Zweifel. Bild: Frank Röth

Tinkturen und Kügelchen ohne nachweisbare Wirkung. Heiler, die die Politik für ihre Zwecke einspannen und eine Industrie aufbauen. Der Mediziner Karl-Friedrich Sewing möchte die wachsende Popularität der Homöopathie eindämmen.

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          Bei einem Selbstversuch mit Chinarinde beobachtete der Arzt Samuel Hahne-mann (1755 bis 1843), dass diese bei ihm die gleichen Symptome auslöste, wie er sie von der Malaria kannte. Dies war der „Urknall“ der Homöopathie, deren generelles Prinzip es bis heute ist, dass man mit solchen Stoffen Krankheiten heilen könnte, die die gleichen Symptome auslösen wie die in Frage kommende Erkrankung selbst: Similia similibus curentur (Ähnliches möge mit Ähnlichem geheilt werden). Deren zweiter Bestandteil ist die sogenannte Potenzierung, bei der in einer unter Handverschüttelung mit Flüssigkeit oder Verreibung mit Milchzucker vorgenommenen Verdünnung der jeweilige Inhaltsstoff eine Wirkungsverstärkung erfahren und auf das Trägermedium übertragen soll. Die Grundlage dafür bildet die sogenannte „Urtinktur“, eine konzentrierte, flüssige oder feste Zubereitung pflanzlicher, tierischer oder mineralischer Ausgangsstoffe oder aus Nosoden (homöopathisch aufbereitete Mittel aus Blut, Eiter, Krankheitserregern oder Krebszellen) gewonnenes Material.

          Die Urtinkturen werden in verschiedenen Verdünnungen eingesetzt. So bedeu-tet der Zusatz D6 zu einer Zubereitung, dass eine Urtinktur sechsmal in Schritten von 1:10 weiter verdünnt wird, C6, dass eine Urtinktur sechsmal in Schritten von 1:100 verdünnt wird. Bei der Deutschen Homöopathie-Union Karlsruhe liest sich das wie folgt: „Zwar nimmt durch die Methode des Verdünnens und Verschüttelns beziehungsweise Verreibens die Konzentration des Ausgangsmaterials ab, andererseits wird aber die Wirksamkeit der Arznei verstärkt. (…). Somit können auch in der Ursubstanz giftige Ausgangsmaterialien gefahrlos eingesetzt werden.“

          Die Verdünnung wird teilweise so weit getrieben, dass mit Sicherheit in der letztendlich verabreichten Fassung kein Bestandteil des ursprünglich in der Urtinktur befindlichen Stoffes mehr enthalten ist.

          Ohne wissenschaftliche Basis

          Von Hahnemanns Homöopathie gibt es mittlerweile verschiedene Richtungen: die klassische Homöopathie, die sich nur an der Lehre Hahnemanns und deren Weiterentwicklungen orientiert, und die genuine Homöopathie, die sich besonders stringent an die Lehren Hahnemanns hält, und die naturwissenschaftlich-kritische Homöopathie, bei der homöopathische Mittel als Ergänzung zur Therapie auf der Basis der wissenschaftlichen Medizin eingesetzt werden, sowie die Verwendung von sogenannten Komplexmitteln, das heißt einer Vermengung verschiedener Mittel, die sich angeblich in ihrer Wirkung verstärken.

          Die verschiedenen Richtungen sind im Deutschen Zentralverein homöopathi-scher Ärzte vereint, dem sich rund 60 000 Ärzte mehr oder weniger fest verbunden fühlen. Es hat immer wieder Ansätze gegeben, den Nachweis zu erbringen, dass Hahnemanns Vorstellungen richtig waren und dass die Homöopathie ein wirksames Therapieprinzip darstellt. Beides ist bis heute nicht gelungen. Dafür werden immer wieder zwei Gründe ins Land geführt: Mangel an Ressourcen und Mangel an für die Homöopathie passenden Nachweismethoden. Ersteres ist richtig, aber darauf zurückzuführen, dass potentielle Geldgeber nicht bereit sind, Ressourcen dort zu investieren, wo von vornherein die Erfolglosigkeit erkennbar ist. Die Behauptung, dass es für den Wirksamkeitsnachweis homöopathischer Maßnahmen keine geeigneten Verfahren gäbe, ist grundfalsch. Haben doch die Verfahren der medizinischen Statistik mittlerweile ein so hohes Maß an Differenzierungsmöglichkeit entwickelt, dass sie auch für die Homöopathie anwendbar wären.

          Politiker als Handlanger

          Trotz der elementaren Fehlerhaftigkeit der Homöopathie haben Politik und Standespolitik dazu beigetragen, dass diese ein profitables Dasein im Gesundheitswesen führt. Die verstorbene Witwe des früheren Bundespräsidenten Karl Carstens, Veronica Carstens, hat ihren Zugang zu höchsten politischen Kreisen genutzt, um die Homöopathie institutionell fest zu verankern. So gibt es an verschiedenen Universitäten Professuren für Naturheilverfahren mit Lehrveranstaltungen zur Homöopathie. Im klinischen Abschnitt des Medizinstudiums gibt es den Querschnittsbereich Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin und Naturheilverfahren. Letzterer wird häufig genutzt, um Homöopathie als „besondere Therapierichtung“ darzustellen, was auch abgeprüft wird. Das Internet ist gleichermaßen voll von „Lehrangeboten“. So bietet eine „Online-Akademie für klassische Homöopathie“ Kurse an. Deren Kursleiter sind nahezu ausschließlich Heilpraktiker, und keiner hat eine ärztliche Grundausbildung. Dort werden alle Varianten homöopathischen Denkens angeboten, so auch die sogenannte Miasmenlehre Hahnemanns, eine aus heutiger Sicht skurrile Konstruktion: Danach gibt es drei Grundmuster chronischer Er-krankungen: Psora, Sykosis und Syphilis, mit Ausnahme der Syphilis in der wis-senschaftlichen Medizin unbekannte Begriffe. Rheuma, Neurodermitis, Epilep-sie, Asthma seien keine eigenständigen Krankheiten, sondern nur verschiedene Ausprägungen dieser drei Grundmuster. Gleichermaßen abwegig sind die Zuordnung verschiedener Stoffe, Extrakte und so weiter zu bestimmten Erkrankungen sowie Vorstellungen zu Dosierungen. Beispielhaft werden Phosphorus (Phosphor) bei Kehlkopfentzündung, Magenschwäche und Angst sowie Calcium carbonicum (Kalziumcarbonat) bei Gelenkschmerzen, Menstruationsbeschwerden und Mittelohrentzündung empfohlen. Dies belegt, dass die homöopathische Therapielehre keinesfalls den wissenschaftlichen Ordnungsprinzipien der modernen Medizin entspricht. Gleichermaßen werden „Dosierungsempfehlungen“ fernab gültiger Dosis-Wirkungs-Beziehungen gegeben. Diese orientieren sich nicht an Wirkstoffmengen und/oder -konzentrationen, sondern an unterschiedlichen Verdünnungsgraden und Verarbeitungsprozessen. Dafür, dass Stoffe durch Verschüttelung oder Verreibung bis hin zu allerhöchsten Verdünnungsgraden in einer ohnehin fraglichen Wirkung verstärkt werden und dass diese „Wirkung“ gar auf das Trägermedium übertragen wird, gibt es nicht den allergeringsten Hinweis.

          Wie steht es um die Therapieerfolge durch homöopathische Verfahren? Gemäß Paragraph 1 Arzneimittelgesetz müssen Arzneimittel auf ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft werden. Die Industrie investiert Milliardenbeträge, um Therapieerfolge nachweisen zu können und den Nachweis der Unbedenklichkeit und Qualität zu erbringen.

          Mittel an Gesunden „geprüft“

          Homöopathische Mittel werden dagegen ausschließlich an Gesunden "geprüft", wobei ein Heilungserfolg dabei natürlich nicht Gegenstand der Prüfung sein kann. Es gibt bislang keine als hinreichend seriös einzustufende Studie, in der ein Therapieerfolg durch ein homöopathisches Mittel zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Die sogenannte "Erstverschlimmerung" des Krankheitsbilds wird immer wieder als Therapieerfolg gewertet, dürfte jedoch der Tatsache geschuldet sein, dass dieses Phänomen in erster Linie den natürlichen Verlauf einer Erkrankung widerspiegelt.

              All das wirft einen belebten Blick auf das bis heute gültige homöopathische Weltbild, ohne dass in der Homöopathie jemals über die Richtigkeit dieses Weltbilds kritisch reflektiert wurde. Im Gegenteil: Politik und verfasste Ärzteschaft haben aktiv zur Wegbereitung und Verbreitung beigetragen.

              So fand die Homöopathie Eingang in das Arzneimittelgesetz AMG und das Sozialgesetzbuch. 1978 wurden erste Regelungen zu homöopathischen Mitteln in das AMG aufgenommen. Nach Paragraph 38 können homöopathische Mittel nach einer Registrierung ohne fachliche Zulassungsprüfung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in den Handel gebracht werden. Dazu hat in den neunziger Jahren der Jurist Rüdiger Zuck in einem Rechtsgutachten durch Einführung des Begriffs "Binnenanerkennung" Hilfestellung geleistet. Danach obliegt die Entscheidung, ob ein Verfahren, das zu Lasten der Krankenkassen erbracht werden soll, ausschließlich einer Personengruppe, die der jeweiligen Therapierichtung (Homöopathie) angehört.

              Bis 1997 war im Sozialgesetzbuch V festgeschrieben, dass nur solche Leistungen erbracht werden dürfen, die dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen. 1997 wurde dieser Passus auf der Basis der Binnenanerkennung wie folgt ergänzt: "... nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung". Die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften hat dagegen vehement interveniert. Ein Ersatz eines wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweises durch Rückzug auf eine "Binnenanerkennung" als Schutz vor wissenschaftlichen Überprüfungen dürfe nicht akzeptiert werden. Trotz dieser berechtigten Kritik hat der Bundestag dieser Änderung zugestimmt. Seit einigen Jahren erstatten zahlreiche gesetzliche Krankenkassen die Kosten für homöopathische Mittel.

          Erstattung durch Kassen abschaffen

              Auf Beschluss des Deutschen Ärztetages 2003 gibt es in der ärztlichen Musterweiterbildungsordnung eine Zusatzweiterbildung Homöopathie. Die enthält nahezu alle homöopathischen Elemente, wie Erfahrungen und Fertigkeiten in der homöopathischen Lehre der akuten und chronischen Krankheiten und ihrer spezifischen homöopathischen Behandlung. Sicherer kann man die Bemühungen um eine evidenzbasierte Medizin nicht formulieren.

              Was bleibt von der Homöopathie übrig? Es ist die unverständliche Erkenntnis, dass ein medizinischer Irrweg trotz aller berechtigten und immer wieder vorgetragenen Kritik an ihrer Existenzberechtigung nach wie vor Anhänger und Befürworter findet, die den Heilsversprechen der Homöopathie glauben. Es ist unverständlich, dass einerseits homöopathische Mittel durch die gesetzliche Krankenversicherung erstattet werden dürfen, andererseits immer wieder Berichte zu einer sehr restriktiven Erstattungsbereitschaft notwendiger therapeutischer oder rehabilitierender Maßnahmen in die Öffentlichkeit gelangen. Wenn der jährliche Umsatz eines Unternehmens für homöopathische Mittel im dreistelligen Millionenbereich mit nicht unerheblichen Gewinnmargen liegt, dann stellt sich die berechtigte Frage nach der politischen Notwendigkeit, diesem fragwürdigen Einsatz von Ressourcen ein Ende zu bereiten. Es ist auch unverständlich und kritikwürdig, dass die Bremer Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz Eva Quante-Brandt in diesem Jahr die Schirmherrschaft über die 165. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte übernommen hat und die ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrats und 1999 Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Dagmar Schipanski, Schirmherrin der Homöopathie-Stiftung des Zentralvereins ist.

              Es ist zu hoffen, dass die jüngst gegründete und von Ärzten getragene Initiative "Informations-Netzwerk Homöopathie" mit ihrer Kritik und ihren Aktivitäten in der Öffentlichkeit, der Politik und Standespolitik hinreichend Resonanz findet und dazu beiträgt, dass der Homöopathie als Bestandteil ärztlichen und nichtärztlichen Handelns endlich ihr Platz in der ärztlichen Praxis entzogen wird.

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