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Popularität der Kügelchen : Das Geschwür Homöopathie

  • -Aktualisiert am

    So fand die Homöopathie Eingang in das Arzneimittelgesetz AMG und das Sozialgesetzbuch. 1978 wurden erste Regelungen zu homöopathischen Mitteln in das AMG aufgenommen. Nach Paragraph 38 können homöopathische Mittel nach einer Registrierung ohne fachliche Zulassungsprüfung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in den Handel gebracht werden. Dazu hat in den neunziger Jahren der Jurist Rüdiger Zuck in einem Rechtsgutachten durch Einführung des Begriffs "Binnenanerkennung" Hilfestellung geleistet. Danach obliegt die Entscheidung, ob ein Verfahren, das zu Lasten der Krankenkassen erbracht werden soll, ausschließlich einer Personengruppe, die der jeweiligen Therapierichtung (Homöopathie) angehört.

    Bis 1997 war im Sozialgesetzbuch V festgeschrieben, dass nur solche Leistungen erbracht werden dürfen, die dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen. 1997 wurde dieser Passus auf der Basis der Binnenanerkennung wie folgt ergänzt: "... nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung". Die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften hat dagegen vehement interveniert. Ein Ersatz eines wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweises durch Rückzug auf eine "Binnenanerkennung" als Schutz vor wissenschaftlichen Überprüfungen dürfe nicht akzeptiert werden. Trotz dieser berechtigten Kritik hat der Bundestag dieser Änderung zugestimmt. Seit einigen Jahren erstatten zahlreiche gesetzliche Krankenkassen die Kosten für homöopathische Mittel.

Erstattung durch Kassen abschaffen

    Auf Beschluss des Deutschen Ärztetages 2003 gibt es in der ärztlichen Musterweiterbildungsordnung eine Zusatzweiterbildung Homöopathie. Die enthält nahezu alle homöopathischen Elemente, wie Erfahrungen und Fertigkeiten in der homöopathischen Lehre der akuten und chronischen Krankheiten und ihrer spezifischen homöopathischen Behandlung. Sicherer kann man die Bemühungen um eine evidenzbasierte Medizin nicht formulieren.

    Was bleibt von der Homöopathie übrig? Es ist die unverständliche Erkenntnis, dass ein medizinischer Irrweg trotz aller berechtigten und immer wieder vorgetragenen Kritik an ihrer Existenzberechtigung nach wie vor Anhänger und Befürworter findet, die den Heilsversprechen der Homöopathie glauben. Es ist unverständlich, dass einerseits homöopathische Mittel durch die gesetzliche Krankenversicherung erstattet werden dürfen, andererseits immer wieder Berichte zu einer sehr restriktiven Erstattungsbereitschaft notwendiger therapeutischer oder rehabilitierender Maßnahmen in die Öffentlichkeit gelangen. Wenn der jährliche Umsatz eines Unternehmens für homöopathische Mittel im dreistelligen Millionenbereich mit nicht unerheblichen Gewinnmargen liegt, dann stellt sich die berechtigte Frage nach der politischen Notwendigkeit, diesem fragwürdigen Einsatz von Ressourcen ein Ende zu bereiten. Es ist auch unverständlich und kritikwürdig, dass die Bremer Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz Eva Quante-Brandt in diesem Jahr die Schirmherrschaft über die 165. Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte übernommen hat und die ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrats und 1999 Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Dagmar Schipanski, Schirmherrin der Homöopathie-Stiftung des Zentralvereins ist.

    Es ist zu hoffen, dass die jüngst gegründete und von Ärzten getragene Initiative "Informations-Netzwerk Homöopathie" mit ihrer Kritik und ihren Aktivitäten in der Öffentlichkeit, der Politik und Standespolitik hinreichend Resonanz findet und dazu beiträgt, dass der Homöopathie als Bestandteil ärztlichen und nichtärztlichen Handelns endlich ihr Platz in der ärztlichen Praxis entzogen wird.

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