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Pollenallergie : Bald eine Schutzimpfung gegen Allergie?

  • -Aktualisiert am

Allergie: Kaum ist es Frühling, geht es wieder los Bild: dpa/dpaweb

Zur Desensibilisierung hat man bisher undefinierte Gemische von Allergenen genutzt. Jetzt ist es Forschern gelungen, die allergieauslösenden Stoffe in reiner Form zu gewinnen.

          4 Min.

          Kaum blühen Haselnuß und Birke wieder, sind viele Menschen von juckendem Ausschlag, Schnupfen, tränenden Augen und womöglich sogar Asthma geplagt. In den Industrieländern leidet fast jeder vierte Mensch an einer Allergie. Die Patienten reagieren überempfindlich auf Stoffe, die sich in Blütenpollen und anderen natürlichen oder künstlichen Produkten befinden. Ihr immunologisches Abwehrsystem ergreift so heftige Maßnahmen gegen vermeintlich gefährliche Substanzen, daß es zu den typischen Krankheitszeichen kommt.

          Viele Jahre lang waren die Immunologen für die Diagnose und Therapie von Allergien auf komplexe Stoffgemische, etwa einen Pollenextrakt, angewiesen. Erst in der jüngsten Zeit ist es ihnen mit gentechnischen Verfahren gelungen, Allergene in reiner Form zu gewinnen. Das hat die Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Allergien erheblich erleichtert. Wie sich in der vergangenen Woche auf einer vom Boehringer Ingelheim Fonds ausgerichteten Internationalen Titiseekonferenz über Perspektiven neuartiger Immuntherapien zeigte, beginnt die detaillierte Erforschung der hochkomplexen Zusammenhänge nun Früchte zu tragen und neue Wege zur Diagnose und Therapie von Allergien zu erschließen.

          Signal zum Freisetzen zahlreicher Botenstoffe

          Bei einer allergischen Reaktion etwa auf Birkenpollen entstehen neben anderen Abwehrmolekülen vor allem ImmunglobulinE(IgE)-Antikörper, die die überschießenden Reaktionen anstoßen. Die Antikörper-Moleküle verbinden sich mit passenden Kontaktstellen, den IgE-Rezeptoren, auf der Oberfläche verschiedener weißer Blutzellen, vor allem von Mastzellen und Basophilen.

          Bei einem zweiten Kontakt mit demselben Allergen vernetzen sich die Antikörper auf der Oberfläche dieser Abwehrzellen. Die Mastzelle erhält dadurch das Signal zum Freisetzen zahlreicher Botenstoffe, unter anderem von Histamin. Diese Botenstoffe sind letztlich für die Krankheitssymptome verantwortlich. Sie machen zum Beispiel die Gefäße durchlässig, so daß Flüssigkeit austritt, was Schwellungen der Gewebe und Rötungen der Haut zur Folge hat.

          Abwehrinstitution an vorderster Front

          Wie Georg Stingl von der Medizinischen Hochschule Wien in Titisee darlegte, spielt bei Überempfindlichkeitsreaktionen eine Gruppe von Abwehrzellen, deren Bedeutung man bislang unterschätzt hat, offenbar ebenfalls eine zentrale Rolle. Hierbei handelt es sich um die Dendritischen Zellen. Auch diese weißen Blutzellen besitzen Rezeptoren für IgE-Moleküle. Dendritische Zellen sind eine Art Abwehrinstitution an vorderster Front, denn sie sitzen vor allem in der Haut und in Schleimhäuten, wo sie potentiell gefährliche Fremdstoffe abfangen.

          Sie nehmen diese in ihr Inneres auf, zerlegen sie und zeigen Bruchstücke davon anderen Abwehrzellen auf ihrer Oberfläche vor. Stingl hat herausgefunden, daß Dendritische Zellen durch IgE dazu angeregt werden, ihr Demonstrationsmaterial nun um so eifriger zu präsentieren. Dadurch werden zelluläre Abwehrreaktionen verstärkt. Der Forscher zog aus seinen Beobachtungen den Schluß, daß man die im Blut zirkulierenden IgE-Moleküle abfangen müsse, um allergische Reaktionen zu unterbinden.

          Mit einem monoklonalen Antikörper (Omalizumab), der die Bindung von IgE an seinen Rezeptor verhindert, ließen sich in klinischen Studien schwere allergische Reaktionen wie Asthma verhindern. Doch längst nicht bei allen Patienten erwies sich die Behandlung als nützlich. Da fast jeder dritte Allergiker auch von Scheinpräparaten profitiert, ist bislang ungeklärt, wie wirksam der in den Vereinigten Staaten und einigen anderen Ländern bereits zugelassene therapeutische Antikörper wirklich ist.

          Undefinierte Gemische

          Größere Hoffnung als in eine solche passive Immunisierung setzen andere Forscher in neue Formen einer aktiven Immunisierung gegen Allergien. Die auch als Desensibilisierung bezeichnete aktive Immunisierung beziehungsweise Toleranzentwicklung wird zur Behandlung von Allergikern schon seit rund hundert Jahren angewandt. Doch sowohl in der Diagnose als auch in der Therapie hat man bislang undefinierte Gemische von Allergenen, beispielsweise den Extrakt von Birkenpollen, genutzt.

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